Der Sammler – Der Konsument

Wer lebt mit und von der Kunst?

Wo die Passion des Sammelns ihre Geburtsstätte hat, ist bei jedem sehr unterschiedlich. Viele Sammler berichten, dass die Leidenschaft zum Sammeln auf einer der vielen Kunstmessen entbrannt ist.
Sie sind oft reiche Erben. So kann man die Namen der weltweit reichsten Familien auf den internationalen Käuferlisten lesen. Aber auch die Selfmade-Milliardäre sammeln zeitgenössische Kunst. Darunter sammeln der französische Unternehmer François Pinault und der Hedge-Fond-Manager Steven Cohen neben Burda und Co.

Insgesamt zählen 2006 laut der Zeitschrift Forbes wohl 500 der 793 Milliardäre weltweit zu den Groß- und Größtsammlern von Kunst. Die Zahl hat sich im Vergleich drei Jahre zuvor verdreifacht. (Rauterberg, Hanno: Und das ist Kunst. Eine Qualitätsprüfung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2008, S. 42)

Platon schrieb, dass es die Betrachtung des Schönen ist, wofür es sich zu leben lohnt. Dem Sammler reicht das Betrachten jedoch nicht. Er möchte besitzen. Der deutsche Kunstsammler Christian Boros bestätigt diese These: „Als Sammler willst du haben.“ (Dossi, Piroschka: Hype. Kunst und Geld. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 2007. 4. Auflage 2008, S. 54, Anmerk. 2)
Der Sammler sieht in dem Besitz Macht. Es ist die Herrschaftsmacht desjenigen über die Sache im privaten Universum.
Vergleichbar ist das Sammeln von Kunst, dem Objekt der Begierde mit der Jagd nach dem Kopf in primitiven Gesellschaften, oder das Sammeln von Reliquien im Mittelalter. In der Vorstellung sind all diese Objekte mit einer Kraft beseelt, die auf den Besitzer übergeht. Ob Gefühle des Alleinseins, Ohnmacht, das Streben nach Einzigartigkeit oder Zugehörigkeit – es gibt immer ein passendes Objekt, der den Seelenzustand lindert, oder für kurzen Augenblick an dessen Stelle tritt. Ist der Moment vorbei, gibt es einen nächsten Wunsch.

Der Sammler ist aber auch ein Kind. Infantil erweckt er das Objekt, das Kunstwerk, wie einen Teddy zum Leben. Das Sammeln ist dann die Anhäufung von Gegenständen, zu denen der Sammler eine langlebige und persönliche Bindung aufbaut. Sie dient dem Schutz vor dem Gefühl der Verwundbarkeit.

In der Vorstellung beherbergt der Schädel des Feindes für einen melanesischen Kopfjäger „mana“, eine unsichtbare Kraft, die den Krieger zum Sieg führt. Für den mittelalterlichen Christen besaßen die Knochen eines Märtyrers eine Energie, die ihm unermesslichen göttlichen Schutz bot.

Heute bietet uns die Industrie Schönheit und Erfolg, wenn wir deren, in der Werbung beworbenen, Produkte benutzen. Dieses Übertragen von Vorstellungen auf Produkte und ihre positive Wirkung wird als „emotional branding“ bezeichnet.

Jedoch ist Sammeln noch eine gesteigerte Form des Konsums. Eine Sammlung drückt immer die Identität und die Beschaffenheit seines Besitzers aus. Und so möchte der Sammler auch gesehen werden, als Schaffender nach dem Schaffenden. Er ist nicht nur Käufer und Manager seiner Sammlung, er sieht sich gerne als moderner Medici. (Hype, S. 61, Anmerkung 8). Das ist die ein Gruppe der Sammler.
Die andere sehnt sich nur nach Prestige und Anerkennung. Dort fehlt ein Zusammenhang zwischen den Werken. Oft lassen Sammler sammeln. Die Auswahl übernimmt dann eine Galerie, die weiß, was im Wert steigen wird.
Es sind diejenigen im Auktionshaus, die eh schon alles haben und ihren Reichtum durch Schmuck oder ihr Auto nicht mehr präsentieren können, die die Preise ins Unermessliche steigen lassen. Es geht hier um Provokation und infantilen Machtstreit im Raum der Auktion. Wer bekommt den Zuschlag? Derjenige, der den längeren Atem hat und die tiefere Tasche besitzt, profiliert sich durch den Gewinn der Versteigerung und die Genugtuung, jemand anderem das Objekt der Begierde weggeschnappt zu haben. Für die neu aufkommende Sammlerschaft aus Osteuropa und China ist der Kauf teurer Kunst die Eintrittskarte in die Luxuswelt. Geld spielt hier keine Rolle – Hauptsache es ist teuer!

Das Sammeln unterliegt meist einer Ordnung und einem Gleichgewicht der Dinge untereinander. Die Reihenfolge ist die Aneignung des Objekts, das Ordnen, die Gestaltung und die Vervollständigung, die auch in einer Sammelsucht enden kann. Räumt man eine Ecke des Zimmers auf, kann es gut sein, dass danach die ganze Wohnung geputzt ist.

Das Sammeln ist die unendliche Geschichte des Konsums. Hat der Sammler das eine ergattert, ist der Wunsch nach dem anderen geweckt.

Wie auch beim Sammeln von Überraschungseierfiguren ist der Sammler stets auf der Suche nach Schnäppchen und Neuentdeckungen. Der Trend zeichnet sich ab, dass sich die Zahl der Sammler für Gegenwartskunst in den letzten zehn Jahren verdoppelt bis verfünffacht hat. (Dossi, Piroschka: Hype. Kunst und Geld. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 2007. 4. Auflage 2008, S. 65) Es wird in die Junge Kunst investiert und auf junge Künstler gesetzt. Berühmteste Sammlerin, die ausschließlich die jüngste Generation sammelt, ist Ingvild Goetz, die in München ihr eigenes Privatmuseum eröffnet hat.
Wer früh genug den Riecher hat, und wenn zum Schluss alle in die gleiche Richtung schwimmen und alle dem Hype hinterherhechten, desto mehr Genugtuung hat der Käufer. Wer spät einsteigt, muss mehr bezahlen.
Es scheint ein Spiel der Superreichen zu sein. Man schaut neidisch zu der Sammlung seines Rivalen, der schon einen bestimmten Künstler hat, der momentan voll im Trend liegt und gerät unter Druck. Im Gegensatz zum Aktienhandel bei dem Insidergeschäfte seit 1995 unter Strafe stehen, sind diese im Kunstbetrieb erlaubt. Wer dazu gehört, weiß, wann eine Retrospektive bevorsteht und die Preise eines Künstlers in die Höhe schießen.

Es gibt die Sammler, die auf Namen der Künstler vertrauen und das Sammeln, was gerade in der Mode ist und es gibt die Giganten, die vorgeben, welche Marken angesagt sind. Wenn beispielsweise Charles Saatchi Werke eines Künstlers kauft, kann man davon ausgehen, dass sich dieser danach kaum noch vor Anfragen retten kann. Es geht hierbei aber um Gewinnmaximierung.

Die leidenschaftlichen Sammler, bilden jedoch das Gros, die Kunstwerke kaufen, die ihnen etwas sagen oder zu sagen scheinen. Es sind dann auch nicht immer die Superreichen, sondern auch „normale“ Privatsammler, die aus Überzeugung kaufen und sich mit der Arbeit identifizieren.
„Viele Sammler sind um die fünfzig Jahre alt, haben zwanzig oder dreißig Jahre hart gearbeitet und möchten ihr Geld nun in bleibende Werte investieren. Andere sind zwischen dreißig und vierzig und interessieren sich für ein bestimmtes Sammlungsgebiet wie Modephotographie, experimentelle oder Aktphotographie. … Es gibt auch eine ganz neue Generation von Sammlern, die sich auf Photographie spezialisieren. Diese Sammler mischen ganz verschiedene Stile und Epochen. Wieder andere kaufen nur ein einziges Werk, das Ihre Aufmerksamkeit gefesselt hat, und leben damit. Der Anteil von jungen Sammlern (bis Mitte 30) liegt bei etwa 20-30 Prozent.“, so beschreibt die Galerie Kicken in Berlin ihre Käufer. (E-Mail an den Autor, 8.1.2008)

Der kleine Sammler macht 95 Prozent des Umsatzes aus. (Und das ist Kunst?, S. 41) Die Gemeinsamkeit: Egal ob reich oder nur Geringverdiener, die Sammler sind diejenigen, die gerne über das Werk und dessen Hintergrund philosophieren und sich mit dem Künstler austauschen wollen. Sie verwirklichen sich und ihre – meist unterdrückten – Gefühle im Kauf einer künstlerischen Arbeit, die die Freiheit widerspiegelt, die sie selbst meist nicht besitzen. So ist es doch keine Seltenheit, dass äußerlich spießige Manager im Anzug, in ihrem Büro ein „wildes“ Kunstwerk zu stehen oder zu hängen haben. Und der innerlich Zerrissene gönnt sich die ersehnte Ruhe in einem Bild voller Harmonie. Aber alles geschieht mit dem Hintergrund der Freude an der Neuentdeckung und dem Erleben der Kunst.
So betont der italienische Sammler Giuseppe Panza di Biumo 2004 im Schweizer Kulturmagazin „du“: „Das, was alle sowieso kannten und was außerdem viel zu teuer war, das interessierte mich nicht. Ich wollte neues entdecken und den schöpferischen, künstlerischen Moment miterleben, verstehen, was die Künstler dachten, wollten, liebten. […] Solange ich lebe, werde ich nach Dingen suchen, die die Intensität des Lebens ausdrücken.“ (Blomberg, Katja: Wie Kunstwerte entstehen. Das Geschäft mit der Kunst. Murmann Verlag, Hamburg, 2005. 3. Ausgabe März 2008, S. 79, Anmerk. 58)
Ivo Wessel, Softwareentwickler und Sammler in Berlin, kauft nur, was ihm Lust bereitet. (Blomberg, Katja: Wie Kunstwerte entstehen. Das Geschäft mit der Kunst. Murmann Verlag, Hamburg, 2005. 3. Ausgabe März 2008, S. 80, Anmerk. 59)

So muss man zum Schluss doch zwischen den Sammlern, Käufern, Spekulanten und wirklichen Kunstliebhabern unterscheiden, obwohl das Resultat das Gleiche ist: Wer Geld für Kunst ausgibt, hat etwas für die Bildung und die Menschlichkeit getan, indem er dem armen Künstler, dem Außenseiter, geholfen hat. Er darf sich als Sponsor der Künste fühlen, auch wenn er nur kauft, ohne wirklich zu konsumieren. Prestige ist nirgendwo so gegen Geld einzutauschen, wie im Kunstbetrieb.

Text aus der Diplomabschlussarbeit (2009) von Peer Kriesel
»Wie Kunst und Design aufeinandertreffen. Eine Studie über die Vermarktung von Kunst.«

Sind Kunstkritiker noch ernstzunehmen?

WIE ENTSTEHEN TRENDS, HYPES UND WER BILDET MEINUNG?

Lange ist es her, dass Sammler nur aus Neugier entdecken, kaufen und ihre Sammlung aufbauen und dabei noch auf die Kunstkritiker hören.
Die, auf die man hören konnte, sind verstummt. Viele plappern nach, was ihnen der Markt vorgibt. Der Profit scheint die Vorherrschaft über den Geschmack und die Philosophie bekommen zu haben. Und wenn es nicht der direkte Einfluss vom Kunstbetrieb ist, erfasst die Feuilletonisten der Druck der Chefredaktion, die Auflagen- und Absatzzahlen im Hinterkopf haben. Gefragt sind nicht mehr wirkliche Stellungnahmen der Kritiker sondern Schlagzeilen, die die Leser verschlingen.
Einige Kunstkritiker haben jedoch noch Einfluss und müssen geschickt ihre Position, die sie aus dem Hintergrund von Kunstgeschichte beziehen, formulieren.
In Deutschland und der Schweiz gibt es eine Hand voll ernstzunehmende Kunstkritiker und -redakteure: Niklas Maak bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Holger Liebs bei der Süddeutschen Zeitung, Hanno Rauterberg bei der Zeitung Die Zeit, Samuel Herzog bei der Neuen Zürcher Zeitung, Brigitte Werneburg bei der Tageszeitung oder Stefan Koldehoff beim Deutschlandfunk.
Einige von Ihnen schreiben neben dem Feuilleton ihre eigenen Bücher, um ihre Thesen wirklich zu artikulieren.
Vom großen Publikum wird nur die eine Seite der Kritik wahrgenommen, nämlich wenn  Kunst plakativ in einem der Boulevardblätter auftaucht und die breite Masse ansprechen soll. Auflagenzahlen, Einschaltquoten und Klickzahlen bestimmen hier aber dann jedes Wort.
In Fachzeitschriften mit geringer Auflagenzahl werden dann theoretische Überlegungen und Analysen formuliert und veröffentlicht.
Hanno Rauterberg beschreibt die Zwickmühle, in der Kunstkritiker stecken. Kritiken würden nicht mehr so harsch ausfallen, die Noten nicht mehr so streng vergeben, da der nächste Auftrag für einen Katalogtext oder die nächste Eröffnungsrede oft schon dranhängt. Da die meisten Kunstkritiker zudem noch „Freelancer“ sind und stetig mehr um Ihre Aufträge kämpfen müssen, das Honorar aber bei Fachzeitschriften und Tageszeitungen nur 100 Euro am Tag beträgt, ist es eigentlich verständlich, dass die wahre Kritik ausbleibt und zur Ware Kritik mutiert.
Das ist aber gefährlich in einer Zeit, in der man die wahre Kunst nicht mehr ohne Hilfe von der Ware Kunst zu unterscheiden vermag und man auf geschulte Augen und Ohren fast angewiesen scheint.

Daher bleibt für Sammler die Kunstkritik von angesehenen Kulturredakteuren richtungsweisend und bietet wichtige Informationen. Im Markt der Zeitschriften und Zeitungen scheinen aber immer häufiger Praktikanten eine „Kunstkritik“ zu verfassen, weil es schneller und günstiger ist.

So lässt sich heute „die Auflage einer Zeitung also kaum nach oben reißen. Ihre Qualität aber schon.“ (Blomberg, Katja: Wie Kunstwerte entstehen. Das Geschäft mit der Kunst. Murmann Verlag, Hamburg, 2005. 3. Ausgabe März 2008, S. 180)

Kunstpreise – Das Siegel für „Gute Kunst“?

WIE ENTSTEHEN TRENDS, HYPES UND WER BILDET MEINUNG?

Kunstpreise werden meist in Form von Ausschreibungen eines Wettbewerbs von öffentlichen oder privaten Stellen vergeben. Sie zeichnen Künstler für besondere künstlerische Leistungen aus. Sie sind meist dotiert oder fördern durch Stipendien die Künstler, steigern jedoch gleichzeitig deren Wert. Es gibt einige anerkannte Preise, die Trends abschätzen lassen und junge Talente zum Vorschein bringen.

Es gibt unter anderem den „Cologne Fine Art-Preis“. Er ist entsprechend der Geschichte der Messe aus dem KUNSTKÖLN-Preis und zuvor dem art multiple-Preis hervorgegangen und wurde 1996 erstmals vergeben.
Der Bundesverband Deutscher Galerien und Editionen und die Kölner Messe verleihen diesen mit 10.000 Euro dotierten Preis jährlich. Außerdem ist dem Werk des jeweiligen Preisträgers im Jahr der Preisverleihung auf der Kunstmesse eine Sonderausstellung gewidmet. (www.cologne-fine-art.de)

Im Auftrag des Berliner Senats verleiht die Akademie der Künste jährlich den Berliner Kunstpreis, offiziell „Berliner Kunstpreis – Jubiläumsstiftung 1848/1948“. Neben 15.000 Euro werden noch weitere Förderpreise mit jeweils 5.000 Euro verliehen.
Die Geschichte des Berliner Kunstpreises reicht bis 1948 zurück und wird in Erinnerung an die Märzrevolution von 1848 vergeben. Bis 1969 verlieh ihn der Senat von Berlin unter dem Namen Kunstpreis Berlin; seit 1971 wird er von der Akademie unter seinem heutigen Namen verliehen.
Die Sparten des Preises sind nach Fassung der Richtlinien seit 1984: Musik, Literatur, Darstellende Kunst sowie Film, Hörfunk, Fernsehen bzw. Film- und Medienkunst.
Der Berliner Literaturpreis trägt den Namen Theodor-Fontane-Preis und ist Nachfolger des 1914 erstmals vergebenen gleichnamigen Preises.

4 New Sensations ist ein im April 2007 von Channel 4, ein privater britischer Fernsehsender, und der Saatchi Gallery erstmals verliehener Kunstpreis. Er ist mit 3.000 Pfund dotiert. Wer hier wohl den Trend setzt und damit vielleicht den Wert seiner eigenen Künstler steigert?

Der bedeutendste und in der Kunstwelt populärste Kunstpreis ist der britische Turner Prize. Er ist ein nach dem Maler J. M. W. Turner benannt und wird alljährlich an einen Künstler, der jünger ist als 50 Jahre, verliehen.
Der Preis wurde erstmals 1984 vergeben und ist mit insgesamt 40.000 Pfund dotiert. Dabei gehen 25.000 Pfund an den Gewinner und jeweils 5.000 Pfund an die anderen nominierten Künstler. Die Preisvergabe wird von der Londoner Tate Gallery organisiert. (http://www.tate.org.uk/britain/turnerprize)

In Deutschland ist das Pendant zum Turner Prize der Preis für Junge Kunst – Preis der Nationalgalerie. Um ebenbürtig zu sein, ist er mit einem Preisgeld von 50.000 Euro dotiert. Der Preis für Junge Kunst wird vom Verein der Freunde der Nationalgalerie vergeben und ist einer der höchst dotierten Preise für Gegenwartskunst in Deutschland.
Seit dem Frühjahr 2000 wird der Preis ausgelobt und im Jahr 2009 zum fünften Mal verliehen.
Gefördert werden sollen Künstlerinnen und Künstler im Alter unter 40 Jahren, die bereits ein Werk als Beurteilungsbasis vorlegen können. Sponsor und Förderer ist BMW. (www.freunde-der-nationalgalerie.de / www.preis2009.de)

Es gibt mehr als 100 bei Wikipedia registrierte Kunstpreise, wobei dort regionale Ausschreibungen wie Bezirksausschreibungen nicht mit aufgezählt sind.
Manche von ihnen dienen der Künstler- oder Nachwuchsförderung, sie vergeben Stipendien und finanzielle Unterstützung.
Je nach Preis und Dotierung, je nach Jurybesetzung und Veranstalter ist die Gewichtung der Bedeutung unterschiedlich. In jedem Fall kann der jeweilige Kunstpreis in der Vita des Künstlers wertsteigernd sein, denn es zeigt, dass eine ausgewählte Jury von Fachleuten die Kunst als wertvoll und qualitativ hochwertig einschätzt und für förderungswürdig erklärt.

Das Bedürfnis der Menschen an Wettbewerben teilzunehmen oder Hierarchien aufzustellen, liegt in deren Natur. Nachweislich lassen diese sich auch in Kleingruppen der Tierwelt bis hin zu komplexen Gesellschaften beobachten.
Bereits 1691 klassifizierte der Franzose Roger de Piles Kunstwerke nach Bedeutung und Rang. So belegte Leonardos Mona Lisa damals nur den elften Platz. Markt und Mode nahmen damals schon Einfluss auf die Werturteile der Experten und deren Ranglisten.
„Kunst Ranking“ besitzt nicht nur die Eigenschaft, Aufmerksamkeit zu messen, sondern sie in gleichem Maße zu erzeugen. Damit erkennen sie nicht unbedingt nur Tendenzen, sondern wirken oftmals verstärkend.
Man bezeichnet den Effekt der zeitnahen Wirkung des Kunst Rankings oft auch als self-fulfilling-prophecy. (Dossi, Piroschka: Hype. Kunst und Geld. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 2007. 4. Auflage 2008, S. 184)

Die Vergabe solcher Preise hängt stark von der Jury sowie deren Verflechtung innerhalb des Kunstbetriebs ab und scheint daher manchmal nicht plausibel.

Das Qualitätssiegel: Kunstkontakter, Banane, Kunstkompass und Co.

WIE ENTSTEHEN TRENDS, HYPES UND WER BILDET MEINUNG?

Im Jahr 1970 erfand der Kölner Kunstkritiker und ZEIT-Redakteur Willi Bongard den in der Szene umstrittenen „Kunstkompass“ und veröffentlichte diesen in der Wirtschaftszeitung „Capital“, wo er noch heute nach seinem Tod von seiner Frau Linde Rohr-Bongard weitergeführt wird.
Capital veröffentlicht nun zum 36. Mal den Kunstkompass, der „Investitionen auf dem Kunstmarkt erleichert und das Risiko bei Einkäufen verringert“.
Eine Rangliste der 100 berühmtesten Künstler soll als ein Informations- und Bewertungssystem fungieren und „Ruhm und Rang der Künstler weltweit von den Sechziger Jahren bis heute“ messen. (www.capital.de/guide/259849.html / 5.10.2008)
Linde Rohr-Bongard ist bewusst, dass die Qualität der Kunst nicht messbar ist. Der Kunstkompass dient jedoch als Barometer für das Renomee und die Resonanz, die Künstler durch Ausstellungs- und Publikationserfolge in der Fachwelt genießen. Doch was macht den Rang eines Künstlers aus? Ist es die Qualität seiner Arbeiten oder ist es die Fähigkeit des Künstlers im Kunstbetrieb erfolgreich zu bestehen, indem er gute Kontakte pflegt oder pflegen lässt?
Obwohl der Kunstkompass von Kunstfachleute sehr umstritten ist, gilt ein Künstler in der Rangliste als erfolgreich und Newcomer als viel versprechend.

Als Gütesiegel der Kunst – als krummes – gilt die Banane.
Angefangen hat alles vor 25 Jahren als der Kölner Künstler Thomas Baumgärtel damals als „Zivi“ in einem katholischen Kleinstadt-Krankenhaus seiner niederrheinischen Heimat, seine Frühstücksbanane auf das Kreuz einer Krankenstation klemmte. Aus diesem Streich und seiner Revolution gegen das Kleinbürgertum, was manche Patienten auch zum Schmunzeln gebracht hat, wurde sein ganz persönliches Kunstsymbol.
An 5.000 Orte, Museen und Galerien zwischen New York, Berlin, Zürich und Moskau, überall dort, wo nach seiner Auffassung ein frisches Ausstellungsprogramm zu finden sei, sprühte der heute 47-Jährige in einer nächtlichen Aktion seine schwarz-gelbe Banane. Am meisten ist sie aber in Deutschland zu finden, allein in Berlin sind es mehr als 100.

Dem „Bananensprayer“, der wohl in den Neunziger Jahren aktiver war, wurde 2001 im Museum von Goch am Niederrhein eine eigene Ausstellung gewidmet. Neben Zeichnungen, Objekten und Gemälden sind in zwei Museumsvitrinen Ordner mit Justizakten zu bestaunen – alles Anzeigen wegen Sachbeschädigung.
(Kölnische Rundschau – http://www.rundschau-online.de/html/artikel/1201129255466.shtml / vom 24.1.2008 / aufgerufen am 6.10.2008)

Dennoch: Baumgärtels Banane ist vielen inzwischen zu einer Art Gütesiegel für Kunst geworden. Eine Galerie mit Banane verspricht gute Kunst.
Der Künstler selbst nimmt sich nicht so wichtig und geht auch nicht darauf ein, wenn ihm für sein „Gütesiegel“ Geld geboten wird.
„Inzwischen bekomme ich schon mal böse Briefe von einer Galerie, wieso ich sie umgehe.“ Und andere Galeristen, besonders etablierte, fordern sogar: „Machen Sie mir doch drei Bananen“ – als Zeichen für einen noch besseren Kunstort.
Manchmal, gerade bei Galerien, kann es aber passieren, dass ihm die Vergänglichkeit einen Strich durch die Rechnung macht und die Galerie schließt.
„Die Vergänglichkeit ist okay, ich habe ja die Fotos als Dokument und nicht den Anspruch, dass die Banane ein Leben lang bleiben muss.“, so Baumgärtel, aber „wenn beispielsweise eine Galerie umgezogen ist und stattdessen ein Teppichladen in die Räume gezogen ist, und der sich auch noch Galerie nennt“, dann entwertet der Idealist die Banane mit seiner „Ungültig“-Schablone.
(Berliner Morgenpost / http://www.morgenpost.de/incoming/article252199/Ausgerechnet_Bananen_Thomas_Baumgaertel_hat_eine_Frucht_zum_Markenzeichen_fuer_Kunst_gemacht.html / 24.9.2006 / aufgerufen am 6.10.2008)

Auf der Website des Künstlers Thomas Baumgärtel unter www.bananensprayer.de kann man sich über Werke und Ausstellungen informieren.

Ein weiteres Gütesiegel in der Kunstwelt bietet der „Kunstkontakter“.
Konstantin Schneider, der sich als „embedded art agent“ versteht, ist ausgestattet mit einem Bauhelm, auf den eine DV-Kamera installiert ist.
Das gefilmte Material wird später zusammengeschnitten auf der Website www.berlinerkunstkontakter.de veröffentlicht. Diese Art der Dokumentation ermöglicht meist besser als jedes Foto die Atmosphäre des Events einzufangen, auf dem der Kunstkontakter vorbeigeschaut hat.
Aber es ist meistens gar nicht die reine Dokumentation. Der Mann mit dem Helm platzt in Smalltalks einer Vernissage hinein, stellt für Künstler und Galeristen zeitweise „unangenehme“ Fragen und kommt so ins Gespräch. Er „seziert die Kunst und ihren Jahrmarkt der Eitelkeiten.“ (http://www.netzeitung.de/feuilleton/756671.html / 28.9.2007 / aufgerufen am 6.10.2008)
Anfangs belächelt, gilt heute der Besuch von Konstantin Schneider auf der Vernissage, Messe oder Kunstveranstaltung mit seiner Kamera auf dem Kopf als kleiner Ritterschlag. Der Kunstkontakter gehört eben zur Kunstveranstaltung dazu.
Im Jahr 2008 tourte Schneider durch Europa und Asien und filmte in London, Paris, Basel und Shanghai. (www.berlinerkunstkontakter.de)

Museen werden zu privaten Ausstellungsräumen

WIE ENTSTEHEN TRENDS, HYPES UND WER BILDET MEINUNG?

Freier Eintritt in Museen wird von den renommierten Kunstkritikern, wie Hanno Rauterberg, ZEIT-Redakteur gefordert. Die Berliner Museen „haben in Berlin 2006 auf 2007 einen 20-prozentigen Zuwachs an Besuchern gehabt.“, so der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus Dieter Lehmann im Deutschlandfunk am 31.1.2008.
Museen sind beliebt, und das nicht nur an regnerischen Tagen. 2005 zählten die Berliner Museen 11.437.354 Besucher. Im Jahre 2004 waren es 11.292.090, davon allein 1,1 Millionen in der MoMA-Ausstellung. (http://www.in-berlin-brandenburg.com/Freizeit/Museen.html)
Das Marketing stimmt. Es wird zunehmend die breite Masse angesprochen, die sich zunehmend für Kunst interessieren soll. Wer hat es nicht gesehen? „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“ prägten das Stadtbild. Rund 5000 Besucher strömten seit Ausstellungsbeginn täglich zu den französischen Meisterwerken des Metropolitan Museum of Art (kurz: Met) in die Neue Nationalgalerie. Insgesamt waren es rund 680.000 Besucher in vier Monaten.

Um die 6.000 Museen deutschlandweit bemühen sich um das kulturinteressierte Volk, davon 600 um die Kunstliebhaber. Die Kunst, ein kräftiger Wachstumsmarkt, mit fast 2000 Sonderausstellungen im Jahr und mehr als 17 Millionen Besuchern, Tendenz steigend, führte zu einem „Bauboom“ von Museen, so Hanno Rauterberg in der ZEIT. (Hanno Rauterberg | © DIE ZEIT 21.10.2004 Nr.44)
Nach einer Kunsthysterie der Achtziger und Neunziger Jahre ist ein neuer Boom zu spüren. Überall wird geplant, erweitert, gebaut. Besonders in den kleineres Städten wie Hombroich, Mülheim, Münster oder Wiesbaden hofft man auf Ansehen.
Aber auch in den Kunstzentren wie Leipzig, Berlin, Hamburg oder München wird neu gebaut oder aufgestockt.
Alle hoffen darauf, durch neue glänzende moderne Paläste Kunst- und Kulturzentren zu werden. Oftmals reicht jedoch das Geld nur zum Bau von Museen, jedoch fällt das Betreiben der Häuser dann umso schwerer. Schrumpfende Etats lassen das Aus vieler gerade erst entstandenen Museen erwarten. Das MoMa-Phänomen, welches man in Berlin erleben konnte, bleibt der Ausnahmefall.

Das ebnet den Weg für Privatsammler, die ihre Kollektionen als Leihgaben den Museen zur Verfügung stellen, die sich kaum noch eigene Ankäufe leisten können.
Museumsdirektoren sind abhängig geworden von Industrie und Wirtschaft, die als Sponsoren oder Partner fungieren und damit immer mehr Einflussnahme auf die Sammlungen und Ausstellungen ausüben.

In Frankreich oder in den USA halten Museen ihre Autorität aufrecht. Dort besteht man auf Schenkung oder Stiftung. Ein Ausstellungsraum eines Museums wird nicht so leicht zu einem Showroom für Sammler, die damit ihre Werke aus den Depots mal in die Öffentlichkeit tragen können.
In den Museumshallen gewinnen die Kunstobjekte an Wert, da auch ihre Popularität steigt. Jedoch gerät das System, in dem eigentlich das Kunstmuseum erklärt, was Kunst ist, aus den Fugen. „Heute entscheiden das immer stärker die Sammler und ihre Galeristen.“ (Hanno Rauterberg | © DIE ZEIT 21.10.2004 Nr.44)
„Diese Art von Ausverkauf und Unterwerfung ist“ nach Meinung des ZEIT-Redakteurs „die eigentliche Bedrohung für das deutsche Museum …“ und „verspielt so sein größtes Kapital: seine Glaubwürdigkeit.“ Das geschieht jedoch nur in den Augen der Experten und derer, die genauer hinsehen. Für den Normalbürger bleibt der Skandal in den Grenzen, woher der Sammler sein Vermögen hat.
Es gibt natürlich Unterschiede. Wenn zum Beispiel ein Sammler wie Reiner Speck einen Teil seiner Kollektion dem K21 in Düsseldorf zur Verfügung stellt, hat es weniger den Ruch der gezielten Wertsteigerung, als wenn Kunst von der Plattform „Museum“ während einer Ausstellung verkauft werden. Dies geschah 2001, als Hans Grothe mit einem Auktionator durch das Bonner Kunstmuseum schritt und Bilder aus seiner eigenen Sammlung für den Verkauf auswählte, obwohl noch ein Leihvertrag lief. Inzwischen hat eine andere Sammlerfamilie den Vertrag übernommen.
In Berlin begnügt man sich hingegen mit Leihvertragszeitspannen von sieben Jahren. Friedrich Christian Flick präsentiert seine Sammlung im Berliner Hamburger Bahnhof.

Das Museum war stets eine Institution, die Kunst wirklich zur Kunst erhoben hat und einen Wert und dessen Beständigkeit garantierte.
Wo jedoch in öffentlichen Einrichtungen monetäre Mittel fehlen, entsteht eine Abhängigkeit zu Sponsoren und Sammlern, die zu Geschäftspartnern werden. Hier geht es nicht mehr um die Kunst als solches. Hier geht es neben der Liebe zur Kunst um Gewinnmaximierung.
Und weil Museen ein Garant für Wertsteigerung ist, sind hier Händler, die sich Galeristen nennen, nicht fern.

Ohne Leihgaben versuchte Udo Kittelmann, ehemaliger Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst und Direktor der Nationalgalerie in Berlin, auszukommen. Er arbeitete fast ausschließlich mit der hauseigenen Sammlung, wobei im Juli 2005 der Sammler Dieter Bock, nach Ablauf eines geheimen Vertrages, 500 zeitgenössische Werke abzog.
Jedoch gelang es Kittelmann diesen Rückschlag gut wegzustecken, indem er durch Insiderinformationen günstig Kunstwerke durch Sponsorengelder ankaufen konnte und somit den Bestand der museumseigenen Sammlung bis heute sichert.
Im Interview mit Nicola Kuhn im Tagesspiegel vom 29.10.2008 bestärkt er seinen Auftrag, den er als Museumsdirektor hat: „Ich sehe kein Diktat der Quote. Schließlich lässt sich auch nicht jedes Jahr eine MoMA-Ausstellung auf die Beine stellen. Ginge man allein nach der Quote, würde man sich auf Dauer dem jeweils herrschenden Mainstream aussetzen, was einherginge mit dem Verlust inhaltlicher Substanz. Das ist für mich nicht die Aufgabe einer öffentlichen Kulturinstitution. Damit wäre der Bildungsauftrag nicht mehr erfüllt. Das wäre dann so, als würde man in der Schule keinen Goethe mehr lesen, weil die Nachfrage danach nicht mehr gegeben ist. Wo kämen wir denn da hin?“ (TS, 29.10.2008, Kunst ist geistiges Kapital)

„Die Sammlung ist nicht bloß das akkumulierte Kapital, das den Sammler die Macht über den Künstler als Arbeiter verleiht. Es gibt nämlich auch die Arbeit des Sammelns – und diese ist, wie gesagt, auch eine künstlerische Arbeit, weil sie den Dingen unserer Welt den Kunststatus verleiht.“, so Boris Groy in „Über das Sammeln der Moderne“, in „Wahre Wunder“, Köln, 2000, S. 229.

Nicht nur Sammler beziehen Position, auch einige Museumsdirektoren und Kuratoren versuchen wie Udo Kittelmann gegen die zunehmende Event-Kultur und damit auch gegen den Markt zu schwimmen. Sie versuchen aus eigenen Beständen Ausstellungen zusammenzustellen. Ankäufe und Neuzugänge kommen über Stiftungen ins Haus.

Ausstellungen in Museen richten sich heute eher nach dem Kunstmarkt, als nach den Künstlern oder nach dem Publikum.
Ausgestellt wird, was in ist. In Berlin löste die Friedrich-Christian-Flick-Collection die Sammlung Marx ab. Hier setzt man dann doch nur auf Leihgaben.

Aber nicht nur Privatsammler stellen ihre Werke den Museen zur Verfügung.
So entstehen Fondsgesellschaften, die wie zum Beispiel in Mönchengladbach in Hedgefonds investieren. Gemeinsam sammeln Aktionären dann zeitgenössische Kunst, haben mit dem Museum vor Ort einen Vertrag, das sie vier mal im Jahr Neuerwerbungen ausstellen lässt.
Der Vorteil für die Häuser ist, dass immer kostengünstige Ausstellungen zeitgenössischer Kunst laufen und das Niveau des Museums einen international hohen Standard hält.
Das Haus erhält als Schenkung von der Fondsgesellschaft ein Werk als Schenkung, hat aber in Wirklichkeit die Autorität des Museums verloren und den Wert der in Öffentlichkeit gezeigten Werke stark gesteigert.
Der eigentliche Vorteil liegt aber beim motivierten Galeristen, Händler oder Aktionär, der durch Marktbeobachtung kauft und somit entscheidet, was Kunst ist.

Wenn die Sammlung nicht in ein staatliches Museum Einzug hält, wird ein eigenes Haus dafür gebaut.
Immer mehr Privatsammler eröffnen ihre eigenen Kunsthallen.
Das erste deutsche Sammlermuseum eröffnete 1991 in Bremen. In einem ehemaligen Kaffeespeicher trugen elf Sammler ihre Werke zusammen und gründeten mit fast 6.000 Quadratmetern das Neue Museum Weserburg.
In Düsseldorf gibt es seit 2002 das „K21“ als „Museum für internationale Gegenwartskunst“. Im ehemaligen Parlamentsgebäude entstand nach Umbauarbeiten, die 48 Millionen Euro kosteten, eine Ausstellungsfläche von 5.000 Quadratmetern, zunächst für Kunstobjekte aus drei Sammlungen. (Herstatt, Claudia: Fit für den Kunstmarkt. Hantje Cantz. Ostfildern, 2007, S.64)
In Berlin sind es das Ehepaar Hoffmann, Axel Haubrok, Wilhelm und Gabi Schürmann und Christian Boros, die gar nicht mehr auf die staatlichen Institutionen zugehen und den Wert ihrer eigenen Sammlungen steigern.

Der Londoner Sammler Charles Saatchi eröffnete am 9. Oktober 2008 sein eigenes Museum im ehemaligen Hauptquartier des Duke of York Regiments im Stadtteil Chelsea. Der Eintritt für den allgemeinen Besucher der wechselnden Ausstellungen auf rund 6.500 Quadratmetern ist selbst bei kuratierten Sonderausstellungen frei. Das ermöglicht ein Deal mit dem Auktionshaus Philips de Pury & Company, der diesen freien Eintritt sponsort. Im Gegenzug soll der Sammler hauptsächlich bei ihm Werke zur Versteigerung anbieten. (ART Magazin, Nr. 10, Oktober 2008, Eintritt frei für Saatchis Kunst, S. 125)

Der neuste „Coup“ im Bereich Privatmuseum ist am Humboldthafen am Hauptbahnhof geplant. In bester Lage gibt der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, das Gelände für Investoren frei, die an diese Stelle neben einer „schicken“ staatlichen Kunsthalle ein Privatmuseum hinsetzen. Als Investor ist Nicolas Berggruen, Sohn des 2007 gestorbenen Mäzens Heinz Berggruen, im Gespräch.
Dort soll auf jeweils 2.000 Quadratmetern hochkarätige Kunst des 21. Jahrhunderts mit einem Versicherungswert von mindestens 50 Millionen Euro gezeigt werden, die der Investor gleich mitbringen soll.
Es gibt jedoch großen Streit über das Wie und Wo und ob überhaupt eine neue Kunsthalle entstehen soll. (Tagesspiegel vom 9.1.2009)

Es wird auf Synergieeffekte zwischen dem Privatmuseum und dem Hamburger Bahnhof mit der Flick-Collection vis-à-vis der Invalidenstraße mit ihrer Halle am Wasser gesetzt. Diese Nähe soll dazu beitragen, den oft noch namenlosen Künstlern, die in der Kunsthalle ausstellen werden, Aufmerksamkeit zu garantieren.

Kritiker befürchten, dass man zum dritten Mal nach Marx und Flick den Fehler begeht, mit dem Privatmuseum ein „profilloses Monstrum“ entstehen zu lassen. (Zitty 21/2008, S. 12)
Alice Ströver, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, ist über die Entscheidung entsetzt: „Es ist ein Kardinalfehler, eine Kunsthalle an das rein kommerzielle Interesse eines Investors zu koppeln.“ Für diesen Zweck plädierte sie für den Blumengroßmarkt in Mitte. (Tagesspiegel vom 01.10.2008) Dieser wird im Sommer 2010 von den Blumenhändlern verlassen und könnte dann zwischen dem Jüdischen Museum und der Kunst aufgeteilt werden.

Warum dabei das Privatmuseum in diesem Fall wieder „Museum“ heißt und die staatliche Institution nur „Kunsthalle“ zeigt die Symptomatik des Problems. Das Museum hat den eigentlichen Auftrag vergessen und setzt scheinbar nur auf teure Kunst. Susanne Pfeffer, Kuratorin der Kunst-Werke Berlin, sagt im ART Magazin: „Museen bilden das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft. Ihre Aufgabe ist Vermittlung, Bewahrung, wissenschaftliche Aufarbeitung sowie Bildung eines Kanons. Eine Privatsammlung dagegen zeigt individuelle Interessen und Vorlieben eines Sammlers.“ (ART Nr. 8, August 2008, S. 105, Erst das Bestehende sichern)

Als Barometer, welches bei wahrer Kunst ausschlägt, kann sich das Museum auch für Fachleute erst wieder rehabilitieren, wenn es unabhängig bleibt. Es darf nicht versucht werden, die eigene Unzulänglichkeit und nicht komplettierte Kollektionen mit Leihgaben von gewinnorientierten Sammlungen zu kaschieren.
Dadurch, dass es in Deutschland keine Museumsverkäufe gibt, hat das Werk, welches von einem staatlichen Haus angekauft wurde, einen anerkannten Wert.

Katja Blomberg, aus dem Haus am Waldsee in Berlin sagt: „Die Museen befinden sich somit in einer schizophrenen Situation: Sie schaffen gerade da Werte, wo sie dem Markt auf lange Sicht Kunstware entziehen, und nicht dort, wo sie ihr hohes Image an taktierende Privatsammler und undurchsichtige Sammlerfonds verkaufen.“ (Blomberg, Katja: Wie Kunstwerte entstehen. Das Geschäft mit der Kunst. Murmann Verlag, Hamburg, 2005. 3. Ausgabe März 2008)