Der Sammler – Der Konsument

Wer lebt mit und von der Kunst?

Wo die Passion des Sammelns ihre Geburtsstätte hat, ist bei jedem sehr unterschiedlich. Viele Sammler berichten, dass die Leidenschaft zum Sammeln auf einer der vielen Kunstmessen entbrannt ist.
Sie sind oft reiche Erben. So kann man die Namen der weltweit reichsten Familien auf den internationalen Käuferlisten lesen. Aber auch die Selfmade-Milliardäre sammeln zeitgenössische Kunst. Darunter sammeln der französische Unternehmer François Pinault und der Hedge-Fond-Manager Steven Cohen neben Burda und Co.

Insgesamt zählen 2006 laut der Zeitschrift Forbes wohl 500 der 793 Milliardäre weltweit zu den Groß- und Größtsammlern von Kunst. Die Zahl hat sich im Vergleich drei Jahre zuvor verdreifacht. (Rauterberg, Hanno: Und das ist Kunst. Eine Qualitätsprüfung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2008, S. 42)

Platon schrieb, dass es die Betrachtung des Schönen ist, wofür es sich zu leben lohnt. Dem Sammler reicht das Betrachten jedoch nicht. Er möchte besitzen. Der deutsche Kunstsammler Christian Boros bestätigt diese These: „Als Sammler willst du haben.“ (Dossi, Piroschka: Hype. Kunst und Geld. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 2007. 4. Auflage 2008, S. 54, Anmerk. 2)
Der Sammler sieht in dem Besitz Macht. Es ist die Herrschaftsmacht desjenigen über die Sache im privaten Universum.
Vergleichbar ist das Sammeln von Kunst, dem Objekt der Begierde mit der Jagd nach dem Kopf in primitiven Gesellschaften, oder das Sammeln von Reliquien im Mittelalter. In der Vorstellung sind all diese Objekte mit einer Kraft beseelt, die auf den Besitzer übergeht. Ob Gefühle des Alleinseins, Ohnmacht, das Streben nach Einzigartigkeit oder Zugehörigkeit – es gibt immer ein passendes Objekt, der den Seelenzustand lindert, oder für kurzen Augenblick an dessen Stelle tritt. Ist der Moment vorbei, gibt es einen nächsten Wunsch.

Der Sammler ist aber auch ein Kind. Infantil erweckt er das Objekt, das Kunstwerk, wie einen Teddy zum Leben. Das Sammeln ist dann die Anhäufung von Gegenständen, zu denen der Sammler eine langlebige und persönliche Bindung aufbaut. Sie dient dem Schutz vor dem Gefühl der Verwundbarkeit.

In der Vorstellung beherbergt der Schädel des Feindes für einen melanesischen Kopfjäger „mana“, eine unsichtbare Kraft, die den Krieger zum Sieg führt. Für den mittelalterlichen Christen besaßen die Knochen eines Märtyrers eine Energie, die ihm unermesslichen göttlichen Schutz bot.

Heute bietet uns die Industrie Schönheit und Erfolg, wenn wir deren, in der Werbung beworbenen, Produkte benutzen. Dieses Übertragen von Vorstellungen auf Produkte und ihre positive Wirkung wird als „emotional branding“ bezeichnet.

Jedoch ist Sammeln noch eine gesteigerte Form des Konsums. Eine Sammlung drückt immer die Identität und die Beschaffenheit seines Besitzers aus. Und so möchte der Sammler auch gesehen werden, als Schaffender nach dem Schaffenden. Er ist nicht nur Käufer und Manager seiner Sammlung, er sieht sich gerne als moderner Medici. (Hype, S. 61, Anmerkung 8). Das ist die ein Gruppe der Sammler.
Die andere sehnt sich nur nach Prestige und Anerkennung. Dort fehlt ein Zusammenhang zwischen den Werken. Oft lassen Sammler sammeln. Die Auswahl übernimmt dann eine Galerie, die weiß, was im Wert steigen wird.
Es sind diejenigen im Auktionshaus, die eh schon alles haben und ihren Reichtum durch Schmuck oder ihr Auto nicht mehr präsentieren können, die die Preise ins Unermessliche steigen lassen. Es geht hier um Provokation und infantilen Machtstreit im Raum der Auktion. Wer bekommt den Zuschlag? Derjenige, der den längeren Atem hat und die tiefere Tasche besitzt, profiliert sich durch den Gewinn der Versteigerung und die Genugtuung, jemand anderem das Objekt der Begierde weggeschnappt zu haben. Für die neu aufkommende Sammlerschaft aus Osteuropa und China ist der Kauf teurer Kunst die Eintrittskarte in die Luxuswelt. Geld spielt hier keine Rolle – Hauptsache es ist teuer!

Das Sammeln unterliegt meist einer Ordnung und einem Gleichgewicht der Dinge untereinander. Die Reihenfolge ist die Aneignung des Objekts, das Ordnen, die Gestaltung und die Vervollständigung, die auch in einer Sammelsucht enden kann. Räumt man eine Ecke des Zimmers auf, kann es gut sein, dass danach die ganze Wohnung geputzt ist.

Das Sammeln ist die unendliche Geschichte des Konsums. Hat der Sammler das eine ergattert, ist der Wunsch nach dem anderen geweckt.

Wie auch beim Sammeln von Überraschungseierfiguren ist der Sammler stets auf der Suche nach Schnäppchen und Neuentdeckungen. Der Trend zeichnet sich ab, dass sich die Zahl der Sammler für Gegenwartskunst in den letzten zehn Jahren verdoppelt bis verfünffacht hat. (Dossi, Piroschka: Hype. Kunst und Geld. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 2007. 4. Auflage 2008, S. 65) Es wird in die Junge Kunst investiert und auf junge Künstler gesetzt. Berühmteste Sammlerin, die ausschließlich die jüngste Generation sammelt, ist Ingvild Goetz, die in München ihr eigenes Privatmuseum eröffnet hat.
Wer früh genug den Riecher hat, und wenn zum Schluss alle in die gleiche Richtung schwimmen und alle dem Hype hinterherhechten, desto mehr Genugtuung hat der Käufer. Wer spät einsteigt, muss mehr bezahlen.
Es scheint ein Spiel der Superreichen zu sein. Man schaut neidisch zu der Sammlung seines Rivalen, der schon einen bestimmten Künstler hat, der momentan voll im Trend liegt und gerät unter Druck. Im Gegensatz zum Aktienhandel bei dem Insidergeschäfte seit 1995 unter Strafe stehen, sind diese im Kunstbetrieb erlaubt. Wer dazu gehört, weiß, wann eine Retrospektive bevorsteht und die Preise eines Künstlers in die Höhe schießen.

Es gibt die Sammler, die auf Namen der Künstler vertrauen und das Sammeln, was gerade in der Mode ist und es gibt die Giganten, die vorgeben, welche Marken angesagt sind. Wenn beispielsweise Charles Saatchi Werke eines Künstlers kauft, kann man davon ausgehen, dass sich dieser danach kaum noch vor Anfragen retten kann. Es geht hierbei aber um Gewinnmaximierung.

Die leidenschaftlichen Sammler, bilden jedoch das Gros, die Kunstwerke kaufen, die ihnen etwas sagen oder zu sagen scheinen. Es sind dann auch nicht immer die Superreichen, sondern auch „normale“ Privatsammler, die aus Überzeugung kaufen und sich mit der Arbeit identifizieren.
„Viele Sammler sind um die fünfzig Jahre alt, haben zwanzig oder dreißig Jahre hart gearbeitet und möchten ihr Geld nun in bleibende Werte investieren. Andere sind zwischen dreißig und vierzig und interessieren sich für ein bestimmtes Sammlungsgebiet wie Modephotographie, experimentelle oder Aktphotographie. … Es gibt auch eine ganz neue Generation von Sammlern, die sich auf Photographie spezialisieren. Diese Sammler mischen ganz verschiedene Stile und Epochen. Wieder andere kaufen nur ein einziges Werk, das Ihre Aufmerksamkeit gefesselt hat, und leben damit. Der Anteil von jungen Sammlern (bis Mitte 30) liegt bei etwa 20-30 Prozent.“, so beschreibt die Galerie Kicken in Berlin ihre Käufer. (E-Mail an den Autor, 8.1.2008)

Der kleine Sammler macht 95 Prozent des Umsatzes aus. (Und das ist Kunst?, S. 41) Die Gemeinsamkeit: Egal ob reich oder nur Geringverdiener, die Sammler sind diejenigen, die gerne über das Werk und dessen Hintergrund philosophieren und sich mit dem Künstler austauschen wollen. Sie verwirklichen sich und ihre – meist unterdrückten – Gefühle im Kauf einer künstlerischen Arbeit, die die Freiheit widerspiegelt, die sie selbst meist nicht besitzen. So ist es doch keine Seltenheit, dass äußerlich spießige Manager im Anzug, in ihrem Büro ein „wildes“ Kunstwerk zu stehen oder zu hängen haben. Und der innerlich Zerrissene gönnt sich die ersehnte Ruhe in einem Bild voller Harmonie. Aber alles geschieht mit dem Hintergrund der Freude an der Neuentdeckung und dem Erleben der Kunst.
So betont der italienische Sammler Giuseppe Panza di Biumo 2004 im Schweizer Kulturmagazin „du“: „Das, was alle sowieso kannten und was außerdem viel zu teuer war, das interessierte mich nicht. Ich wollte neues entdecken und den schöpferischen, künstlerischen Moment miterleben, verstehen, was die Künstler dachten, wollten, liebten. […] Solange ich lebe, werde ich nach Dingen suchen, die die Intensität des Lebens ausdrücken.“ (Blomberg, Katja: Wie Kunstwerte entstehen. Das Geschäft mit der Kunst. Murmann Verlag, Hamburg, 2005. 3. Ausgabe März 2008, S. 79, Anmerk. 58)
Ivo Wessel, Softwareentwickler und Sammler in Berlin, kauft nur, was ihm Lust bereitet. (Blomberg, Katja: Wie Kunstwerte entstehen. Das Geschäft mit der Kunst. Murmann Verlag, Hamburg, 2005. 3. Ausgabe März 2008, S. 80, Anmerk. 59)

So muss man zum Schluss doch zwischen den Sammlern, Käufern, Spekulanten und wirklichen Kunstliebhabern unterscheiden, obwohl das Resultat das Gleiche ist: Wer Geld für Kunst ausgibt, hat etwas für die Bildung und die Menschlichkeit getan, indem er dem armen Künstler, dem Außenseiter, geholfen hat. Er darf sich als Sponsor der Künste fühlen, auch wenn er nur kauft, ohne wirklich zu konsumieren. Prestige ist nirgendwo so gegen Geld einzutauschen, wie im Kunstbetrieb.

Text aus der Diplomabschlussarbeit (2009) von Peer Kriesel
»Wie Kunst und Design aufeinandertreffen. Eine Studie über die Vermarktung von Kunst.«

Kunst als intellektuelles Moment und ihre seelische Existenz

Nirgendwo sonst stehen sich zwei so unterschiedliche Positionen, die des Künstlers, des Schaffenden, und die des Vermarkters gegenüber und arbeiten doch Hand in Hand. Nirgendwo sonst gehen Preisbildung und wahre Qualität so auseinander, sind so unerklärbar und scheinen willkürlich wie auf dem Kunstmarkt. Diffuse, teilweise korrupte Strukturen bilden den Kunstbetrieb, in dem ein paar mächtige Leute den Takt angeben.

Ist aber eine Vermarktung, ein Kunstmarkt wie er existiert, legitim, wenn Künstler existieren, nur weil es einen Markt gibt? Muss nicht die Qualität der Arbeiten den Preis bilden und nicht der Name des Künstlers, der nur noch als Markenname fungiert? Muss sich der Markt nicht um die Kunst drehen?

Kunst bleibt ein intellektuelles Moment entgegen jeder Vermarktungsstrategie. Kunst bleibt Spiritualität des Künstlers, spiegelt seine Position wider und bildet seine seelische Existenz.
Um sie und den Künstler verstehen zu können, muss sie vom Betrachter wahrgenommen werden. In den Zeiten, in denen es viel Kunst gibt – wie heute – gilt es aufzufallen und Interesse zu wecken. Dazu muss das Kunstwerk eine hohe Qualität besitzen, die sich nach Meinung von Galeristen in der Neuartigkeit messen lässt.
Arbeitsweisen und Kunstrichtungen wiederholen sich aber ständig. Die Neuartigkeit, das „Das hab ich ja noch nie gesehen“, wird immer schwieriger zu erreichen.
Eine Rückbesinnung auf die handwerkliche Qualität und den mit dem Auge greifbaren Inhalt, der humoristisch bis politisch interpretiert werden kann, ist die einzig logische Schlussfolgerung. Qualität lässt sich besser vermarkten.
Greifbarer Inhalt ist einfacher zu erkennen. Ein technisch gut gemaltes Bild überzeugt leichter. Was helfen die größten Investitionen in die Rahmenveranstaltung, wenn der Sammler und Käufer die Kunst noch erklärt bekommen muss.
Das Unverständnis zeitgenössischer Kunst und mancher Objekte, wächst mit der Anzahl der unterschiedlichen Arbeiten, die für den Laien, zum Teil austauschbar erscheinen, weil sie keine klare Position beziehen.
Es geht schließlich um den Geschmack des Käufers und seine Präferenzen.
Der Sammler und Kunstinteressierte möchte das Werk mit seinen eigenen Augen entdecken, verstehen und von dem betrachteten Objekt fasziniert sein. Die Kunst muss ihn berühren, packen sowie Interpretationsspielraum bieten.
Kurz: Es muss ihm gefallen.
Sicher lässt sich über Geschmack streiten. Kunst kann stark polarisieren.
Jedoch möchte ich behaupten, dass man Tendenzen der Faszination und des daraus folgenden Gefallens erkennen kann. Neben dieser „Gefälligkeit“ gibt es ein Grundverständnis für den Begriff „Kunst“ von vielen Menschen.
Die Qualität der Arbeitsweise und die Neuartigkeit lässt sich bestimmen.
Wenn sich der Künstler stetig entwickelt, eine eigene Handschrift besitzt und nicht für den Markt arbeitet, ergibt sich eine Beständigkeit im Preisniveau der Werke. In Zeiten der Unsicherheit ist Beständigkeit und die damit einhergehende Sicherheit zunehmend für den Käufer ein Qualitätsmerkmal und unterstreicht seine Kaufentscheidung.
Das heutige Kunstwerk sollte sich daher nicht der Farbe des Sofas oder des Teppichs sowie der zur Verfügung stehenden Fläche beugen. Je unabhängiger die Arbeit des Künstlers vom Markt ist, desto beständiger ist auch die Qualität der Werke.

Der heutige Kunstmarkt lässt nur wenigen jungen Talenten den Freiraum, wirklich künstlerisch zu arbeiten, ohne dass sie Verkaufsstrategien unterliegen und nur das erarbeiten, was gut in Sammlungen passen könnte.

Auch wenn die wahre Ästhetik, die Neuartigkeit und die Intellektualität von fast allen Mitspielern streng propagiert wird, scheinen sich nur eine Handvoll erfolgreich für die seelische Existenz der Kunst wirklich einzusetzen. Sie begreifen, dass der Markt nur wegen der Künstler existiert.
Da liegt das Potenzial des Berliner Kunstgeschehens. Es gibt unzählig viele unentdeckte Künstler, die in höchster Qualität arbeiten, aber nicht von einer der „tonangebenden“ Galerien in Berlin vertreten werden.

Der übersättigte und trotzdem überteuerte Kunstmarkt für zeitgenössische Kunst ist von keinem mehr zu überblicken sowie kaum noch zu durchschauen. Seine unübersichtliche Größe, die ungreifbare Masse an meist selbst erklärter Künstler sowie die zunehmende Austauschbarkeit sind seine Schwäche.

Der Künstler und die Kunst brauchen einen gesunden Markt, in dem die Kräfte ausgeglichen sind.  Künstler brauchen eine professionelle Plattform, eine Brücke zur Öffentlichkeit, um ohne den herkömmlichen Galeriebetrieb auf sich aufmerksam zu machen.
Wie schon beschrieben – eine Rückbesinnung auf Kunst mit hoher, nachvollziehbarer Qualität ist die Konsequenz. Sammler kaufen wieder mit ihren eigenen Augen, ihrem eigenen Gefühl und entdecken einzigartige Werte.

Ein Kunstmarkt, der begreifbare Qualität vermarktet, hat langfristig Bestand.

Geld ist tabu

In der Bibel ist „Habgier“ eine der sieben Todsünden. Nachdem im Mittelalter mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft, das Streben nach Reichtum zunahm, ist es heute zum Lebensinhalt geworden. 1994 nannten 63 Prozent der US-Bürger das Geld als Hauptmerkmal für ein glückliches Leben. (1) Während das Christentum die Gläubigen auf die Zeit nach dem Tod vertröstet, bietet der Kapitalismus Erlösung des irdischen Leidens durch Geld. Der Kunstmarkt scheint sowohl nach Außen hin noch „heilig“ als auch eine Oase in der Masse der Märkte zu sein, die auf Geld fixiert sind. Der Schein ist jedoch trügerisch.

In keinem anderen Markt spielt Geld so offensichtlich keine Rolle wie in dem Kunstmarkt. Zwar tun die Galeristen in den Interviews ganz offen bezüglich des Themas Geld, jedoch wird um direkte Aussagen eher ein großer Bogen gemacht. Man redet in der Regel nur über Ausgaben, die man hat. Der Kunstbetrieb profitiert von der allgemeinen Vorstellung, dass Kunst unkommerziell ist. Der Kommerz wird verleugnet und in den Kunstwerken selbst angeprangert. Kunst wird doch mit Geld bezahlt und fast jeder Künstler, so „unkommerziell“ er sich auch geben mag, verkauft seine Kunst.

Das Künstlerdasein gilt als Berufung und nicht als Beruf, der Galerist ist ein Mentor und Entdecker aber kein Händler. Der Sammler gibt sich gerne als Kunstliebhaber und nicht als einfacher Käufer oder gar als Spekulant.

In Berlin scheint das Misstrauen gegenüber dem freien Markt am größten zu sein. Selbstaufopferung und Leben an der Armutsgrenze für die Kunst sind hier noch hoch angesehen.

Preislisten sowie Auktionserträge werden geheim gehalten und nur unter der Hand gehandelt. Daher gibt es kaum aktuelle Kunstmarktzahlen, weil der Markt zu klein und unbedeutend sei, so eine Mitarbeiterin des Landesverbandes Berliner Galerien in einer E-Mail an den Autor. Aber ein Kunstmarkt der deutschlandweit 800 Millionen Euro umsetzt – Berliner Galerien machen davon rund sieben Prozent aus – erscheint groß genug, um darüber zu reden.

In den großen und anerkannten Galerien sucht man vergeblich nach Preisschildern oder Preislisten. Im persönlichen Gespräch mit dem Galeristen kann man den Wert der Arbeiten erfahren.
Künstler selbst tun sich oft sehr schwer, ihre eigene Arbeit finanziell zu bewerten. Kunst lässt sich eben nicht wie Kunstturnen bemessen.

Allgemein gilt eine Formel zu Berechnung eines Bildpreises. Misst ein Bild 100 Zentimeter in der Höhe und 200 Zentimeter in der Breite, werden diese beiden Werte addiert und dann mit einem Faktor, der dem Künstler zugewiesen ist, nehmen wir den Wert 40 an, multipliziert. Daraus ergibt sich ein Preis von 12.000 Euro, denn (100 + 200) x 40 = 12.000.

Für jede Technik und für jeden Künstler kann so ein Faktor ermittelt werden, der allgemein für die Arbeiten eines Künstlers einsetzbar ist. Damit werden die Kunstwerke eines Künstlers untereinander vergleichbar. Obwohl man mit einem Fragenkatalog zum Werk, zum Künstler, zur Ausstellungsaktivität und zur Medienpräsenz den Faktor ermitteln kann, ist die Preisbildung für ein Werk doch sehr subjektiv. Die Berliner Galeristen setzen die Preise sehr unterschiedlich und nach anderen Maßstäben an. Die Formel scheint nur einer theoretischen Ideologie hinterherzulaufen. So müssen die Preise, der zu hoch angesetzten Werke von zeitgenössischer Kunst, meist nach unten korrigiert werden.

Generell entstehen die Werte unter anderem auf dem Kunstmarkt, mit dem Angebot und der Nachfrage, die man scheint, beeinflussen zu können. Das Spiel mit der Kunst gleicht zum Teil einem Pokerspiel. Derjenige mit dem härtesten Pokerface und dem meisten Mut liegt weit vorne. Es zählen Stipendien im Lebenslauf des Künstlers, manchmal mehr die Hochschulprofessoren und auch das Auftreten des selbigen. Der Markt funktioniert oftmals nur durch einfache Behauptungen statt durch präzise Argumente. Wie könnten es objektive und qualitative Merkmale geben, wenn jeder die Qualität anders bemisst.

Diskretion ist das Zauberwort, und so „funktioniert“ dieser undurchsichtige Markt. Es gibt im Kunstkauf keine Verträge. Selten wird der Preis bezahlt, der anfangs im Raum stand. Den eigentlich Betrag, der den Besitzer wechselt, wissen nur die beiden Parteien.

Kunst ist Luxus und über Geld, den man für Luxus ausgibt, spricht man nicht.

  1. Roper-Starch Worldwide, Zit. in: Robert Shiller: Irrational Exuberance. Princeton, 2005, S. 36

Was ist Kunst?

Wenn sich diese Frage einfach beantworten ließe, würde sich nicht so oft und so heftig über den Kunstbegriff gestritten werden.
Manche machen es sich leichter, ohne sich lange damit aufzuhalten. So schreibt Friedrich Loock, Galerie Loock und Inhaber der Galerie Wohnmaschine in Berlin, Kunst ist „was Künstler machen“. (1) Wahrscheinlich bringt es eben die Knappheit auf den Punkt oder eben gerade auch nicht.

Nach Winckelmann, Lessing, Herder, Goethe und Schiller gelten die menschlichen Hervorbringungen zum Zwecke der Erbauung als Kunst.

Der Begriff „Kunst“ ist dehnbar. Zum einen Auslegung und zum anderen selbst Gegenstand der Kunst, oder sie stellt selbst die Position eines Künstlers dar.

Das Wort Kunst bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist, sei es Heilkunst oder Kunst der freien Rede. Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber seit der Moderne auch der Prozess selber sein. (2)

Kunst ist etwas unbeschreibliches und auch wie ein „Wunder“ zu begreifen, wenn man beispielsweise von Heilkunst spricht. Es kann aber auch die besondere Fähigkeit und die besondere Körperbeherrschung sein, wie in der Kampfkunst. Wenn wir sagen, dass Kunst von Können kommt, sprechen wir von dem angeborenen Talent. Scheinbar ist es die Mischung dieser drei Komponenten, die die Kunst beschreibt: Wunder, Training und Talent.

Kunst ist aber auch Indoktrination.
Erst im 18. Jahrhundert entwickelte sich in Europa eine kulturelle Szene. Als erstes Kunstmuseum, was für alle Menschen und nicht mehr nur für die Oberschicht zugänglich war, wurde 1793 der Louvre in Paris eröffnet. Die Bürger werden in die „Andachtsregeln der Kunstbetrachtung“ eingeführt, egal ob Theater, Oper oder Museum. Die Kunstgalerie sollte als „Ort der Stille und der Meditation“ respektiert werden. (3)
Kunst diente nicht mehr nur dem Interesse und dem sinnlichen Vergnügen des Auftraggebers, sondern diente der geistigen Betrachtung. So breitet sich der Kunstbegriff über ganz Europa aus und bildet eine eigene Kategorie, in der Begriffe von Kunstmuseum, Kunsttourismus, über Kunstgeschichte bis zur Kunstkritik vorkommen. Es entsteht ein Kunstreligion, denn jeder, der was auf sich hält, ist kulturell bewandert.
Der Künstler und seine Kunst nahmen eine heilige Aura an. Im 19. Jahrhundert galt der Beruf des Künstlers als spirituelle Berufung.
Der Künstler gilt als genial, frei und mit der Fähigkeit beseelt, seine Kreativität auszudrücken. Wenn der Betrachter nicht genau erkennt, ob etwas als Kunstwerk taugt, wird er vom Kunstexperten überzeugt.

Kunst ist bis heute eine „Zivilreligion“ (4), in der das Publikum auf der Bühne, im Bild oder in der Skulptur, heute in der Videoinstallation oder der Performance das Schöne, das Wilde, das Wahre und Gute, die Utopie und den Tabubruch erkennt. Der Betrachter, der Kunstliebhaber, erlebt mit und durch den Künstler die Freiheit und verschiebt durch ihn den Blickwinkel sowie die Perspektive auf die Welt.

Kunst ist Individualität und der Ausbruch aus gesellschaftlichen Regeln.

Kunst ist vom Ursprung her eine kultische Erscheinung, die sich zeitgleich oder im Zusammenhang mit vorzeitlichen Kulten oder Religionen entwickelte. Sowohl Malerei und Skulptur, als auch Musik und Tanz treten bereits in der Altsteinzeit in Erscheinung. Kunst gilt in der Antike, im Mittelalter bis hin zur Renaissance nicht als Kunst sondern als Handwerk.
Die Kunst hat sich von dem Status der reinen handwerklichen Tätigkeit, dem Kunsthandwerk, befreit. Kant beschreibt den Unterschied: „Im engern Sinne sind Handwerk und Kunst genau unterschieden, obwohl es an naher Berührung, ja Verfließen von beiden nicht fehlt: Die Kunst wird vom Handwerk unterschieden, die erste heißt freie, die andere kann auch Lohnkunst heißen“. (5)
So standen nun Künstler und Käufer auf gleicher Augenhöhe. Sie experimentierten und entwickelten sich sowie ihre Arbeitsweise weiter.

Ausdrucksformen und Techniken der Kunst haben sich seit Beginn der Moderne stark erweitert, so gehört die Fotografie in die Bildende Kunst. Bei den Darstellenden Künsten, Musik und Literatur lassen sich heute auch die Ausdrucksformen der Neuen Medien und der Medienkunst dazuzählen, dazu gehören Hörfunk, Fernsehen und das Internet.

Die zeitgenössische Kunst lässt sich nicht kategorisieren. Künstler arbeiten nicht mehr nur auf dem Papier oder an der Leinwand, sondern zunehmend spartenübergreifend und sind Musiker, Architekten, Köche oder Designer. Die Position des Künstlers, seine Haltung, und seine künstlerische Fähigkeit bestimmen die Art der Arbeit und der Präsentation.
Auf die Art wie Joseph Beuys entwickeln Künstler Ideen, veröffentlichen Utopien, und es sind für Sammler und Käufer oft nur Dokumente und Überreste der eigentlichen „Aktion“ zu erstehen.

Wohin ein Trend der künstlerischen Ausdrucksform, der Methoden und Strategien geht, ist nicht zu sagen. Und alles wird immer irgendwie möglich sein. Das gilt für Inhalte, die total politisch sind, sich nur auf die Gesellschaft beziehen oder aber auch nur auf ihre eigene Farbe und Form begründen, genau so wie für die Arbeitsweise. So gibt es unterschiedliche und immer wieder neue Ansätze für Ausdrucksformen wie beispielsweise die Medienkunst, Video-Kunst und ihre Black Boxes oder ausufernde Installationen, und doch zeigt der Erfolg der so genannten Leipziger Schule mit Neo Rauch und Co., dass wieder oder immer noch gemalt wird.

Obwohl in der Kunst selten gerne über Geld gesprochen wird, hat die Kunst eine eigene Struktur und „Doppelgesichtigkeit“ (6). Da Künstler, wie jeder Mensch, auch von etwas leben müssen, ergibt sich, dass Kunstwerke zum einen „Werk“ und zum anderen aber auch „Ware“ sind.
Kunst hat einen zwiespältigen Charakter. Sie möchte aufrütteln, kritisieren, provozieren, verstören, Beklemmungen auslösen, Wahrheiten aufzeigen und Richtung weisen. Sie möchte aber auch verkauft werden. Frau Dr. Harriet Häußler von der Galerie Upstairs Berlin sagt in einem Interview, dass es ohne Sammler keine Kunst gäbe. Ist Kunst daher immer eine Ware? (7)
Das Verkaufen ist für die Künstler ein Gräuel, nicht nur, weil sie sich von ihrem Werk trennen müssen, sondern weil sie auch einen Teil von sich selbst mit verkaufen. Obwohl die Kunst sich vom Handwerk und der feudalistischen Bevormundung befreit hat, gerät sie in einen anderen Zwang, nämlich dem, etwas zu verkaufen. Das heißt, sich zu „prostituieren“.

Viele Künstler verteufeln den Markt, den Kapitalismus und all deren Mitspieler.

So sehen die meisten auch die Produkt- sowie Kommunikationsdesigner, die in der Werbung mitspielen, „angewandte Kunst“ produzieren, die unmündigen Konsumenten beeinflussen und manipulieren wollen. Als eine „Hure der Industrie“ bezeichnete eine angehende Kunststudentin den Beruf des Designers, als ich mich mit ihr im Warteraum der Studienberatung der Universität der Künste über Berufe unterhielt.

Der Begriff der Kunst lässt sich nicht einsperren und definieren, so wie es manche Künstler, Galeristen und Sammler es gerne versuchen. Die Kunst bleibt ungreifbar und doch sehr der subjektiven Meinung unterlegen. Für manche ist Kunst, was gefällt. Wie jeder vermutlich sich ein anderes Blau vorstellt, wenn man an die Farbe Blau denkt, gleichermaßen gehen die Meinungen über Kunst stark auseinander. Oft entwickeln sich heftige Diskussionen um die Kunst.
Daher bin ich eben auch der Unsicherheit ausgeliefert, den Begriff „Kunst“ nicht eindeutig erklären oder definieren zu können.

Meine Vorstellung von Kunst kommt von Können. Kunst als intellektuellen Moment und die seelische Existenz des Künstlers wird bei meinen Recherchen leicht angekratzt. Denn sind doch nur die Künstler erfolgreich, deren Kunst auch gesehen wird, um dann zu provozieren, zu verstören, zu begeistern oder verkauft zu werden. Aber provozieren diese „Künstler“, weil sie es von sich aus müssen, oder weil der Markt es von ihnen verlangt?

Kunst ist für mich eine Ausdrucksform, ein Spiegel des Lebens, und sie entsteht vollkommen unabhängig vom Markt und dessen Nachfrage. Im Original erarbeitet sie der Künstler unterbewusst oder bewusst, um etwas auszudrücken oder eine Position aus seinem Inneren nach Außen zu bringen. Das Werk ist das Endprodukt eines intellektuellen Schaffens- und Denkprozesses, den der Künstler durchlaufen hat, ohne dass es dem Gedanken der Vermarktung unterliegt, wenn der Gedanke nicht Teil des künstlerischen Konzeptes ist.

  1. Friedrich Loock in einer E-Mail an Autor, 6.1.2009
  2. Wikipedia: Kunst aufgerufen am 21.11.2008
  3. Shiner, Larry: The Invention in Art. A CulturalHistory. Chicago; London, 2001, S. 135
  4. Dossi, Piroschka: Hype. Kunst und Geld. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 2007. 4. Auflage 2008, S.163
  5. Wikipedia: Kunst aufgerufen am 21.11.2008
  6. Difference, what difference? Art Forum Berlin 2008. Messe Berlin, 2008. S. 6
  7. Dr. Harriet Häußler im Gespräch mit dem Autor am 8.1.2009