Sind Kunstkritiker noch ernstzunehmen?

WIE ENTSTEHEN TRENDS, HYPES UND WER BILDET MEINUNG?

Lange ist es her, dass Sammler nur aus Neugier entdecken, kaufen und ihre Sammlung aufbauen und dabei noch auf die Kunstkritiker hören.
Die, auf die man hören konnte, sind verstummt. Viele plappern nach, was ihnen der Markt vorgibt. Der Profit scheint die Vorherrschaft über den Geschmack und die Philosophie bekommen zu haben. Und wenn es nicht der direkte Einfluss vom Kunstbetrieb ist, erfasst die Feuilletonisten der Druck der Chefredaktion, die Auflagen- und Absatzzahlen im Hinterkopf haben. Gefragt sind nicht mehr wirkliche Stellungnahmen der Kritiker sondern Schlagzeilen, die die Leser verschlingen.
Einige Kunstkritiker haben jedoch noch Einfluss und müssen geschickt ihre Position, die sie aus dem Hintergrund von Kunstgeschichte beziehen, formulieren.
In Deutschland und der Schweiz gibt es eine Hand voll ernstzunehmende Kunstkritiker und -redakteure: Niklas Maak bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Holger Liebs bei der Süddeutschen Zeitung, Hanno Rauterberg bei der Zeitung Die Zeit, Samuel Herzog bei der Neuen Zürcher Zeitung, Brigitte Werneburg bei der Tageszeitung oder Stefan Koldehoff beim Deutschlandfunk.
Einige von Ihnen schreiben neben dem Feuilleton ihre eigenen Bücher, um ihre Thesen wirklich zu artikulieren.
Vom großen Publikum wird nur die eine Seite der Kritik wahrgenommen, nämlich wenn  Kunst plakativ in einem der Boulevardblätter auftaucht und die breite Masse ansprechen soll. Auflagenzahlen, Einschaltquoten und Klickzahlen bestimmen hier aber dann jedes Wort.
In Fachzeitschriften mit geringer Auflagenzahl werden dann theoretische Überlegungen und Analysen formuliert und veröffentlicht.
Hanno Rauterberg beschreibt die Zwickmühle, in der Kunstkritiker stecken. Kritiken würden nicht mehr so harsch ausfallen, die Noten nicht mehr so streng vergeben, da der nächste Auftrag für einen Katalogtext oder die nächste Eröffnungsrede oft schon dranhängt. Da die meisten Kunstkritiker zudem noch „Freelancer“ sind und stetig mehr um Ihre Aufträge kämpfen müssen, das Honorar aber bei Fachzeitschriften und Tageszeitungen nur 100 Euro am Tag beträgt, ist es eigentlich verständlich, dass die wahre Kritik ausbleibt und zur Ware Kritik mutiert.
Das ist aber gefährlich in einer Zeit, in der man die wahre Kunst nicht mehr ohne Hilfe von der Ware Kunst zu unterscheiden vermag und man auf geschulte Augen und Ohren fast angewiesen scheint.

Daher bleibt für Sammler die Kunstkritik von angesehenen Kulturredakteuren richtungsweisend und bietet wichtige Informationen. Im Markt der Zeitschriften und Zeitungen scheinen aber immer häufiger Praktikanten eine „Kunstkritik“ zu verfassen, weil es schneller und günstiger ist.

So lässt sich heute „die Auflage einer Zeitung also kaum nach oben reißen. Ihre Qualität aber schon.“ (Blomberg, Katja: Wie Kunstwerte entstehen. Das Geschäft mit der Kunst. Murmann Verlag, Hamburg, 2005. 3. Ausgabe März 2008, S. 180)