Video-Portraits von Gestalten.tv

Sehr sehenswerte Künstler-Video-Portraits, die einem einzelne interessante Künstler vorstellen und spannende Arbeiten präsentieren, findet man auf gestalten.tv .

Video-Portrait: Michael Schirner BYE BYE
Video-Portrait: Slinkachu –Little Big Men

Video-Portrait: Patrick Nguyen – The Streets Are Paved With Art
Video-Portrait: Julius von Bismarck

(Alle Videos gibt es auch als Video-Podcast für die Bahn…)

Kunst als intellektuelles Moment und ihre seelische Existenz

Nirgendwo sonst stehen sich zwei so unterschiedliche Positionen, die des Künstlers, des Schaffenden, und die des Vermarkters gegenüber und arbeiten doch Hand in Hand. Nirgendwo sonst gehen Preisbildung und wahre Qualität so auseinander, sind so unerklärbar und scheinen willkürlich wie auf dem Kunstmarkt. Diffuse, teilweise korrupte Strukturen bilden den Kunstbetrieb, in dem ein paar mächtige Leute den Takt angeben.

Ist aber eine Vermarktung, ein Kunstmarkt wie er existiert, legitim, wenn Künstler existieren, nur weil es einen Markt gibt? Muss nicht die Qualität der Arbeiten den Preis bilden und nicht der Name des Künstlers, der nur noch als Markenname fungiert? Muss sich der Markt nicht um die Kunst drehen?

Kunst bleibt ein intellektuelles Moment entgegen jeder Vermarktungsstrategie. Kunst bleibt Spiritualität des Künstlers, spiegelt seine Position wider und bildet seine seelische Existenz.
Um sie und den Künstler verstehen zu können, muss sie vom Betrachter wahrgenommen werden. In den Zeiten, in denen es viel Kunst gibt – wie heute – gilt es aufzufallen und Interesse zu wecken. Dazu muss das Kunstwerk eine hohe Qualität besitzen, die sich nach Meinung von Galeristen in der Neuartigkeit messen lässt.
Arbeitsweisen und Kunstrichtungen wiederholen sich aber ständig. Die Neuartigkeit, das „Das hab ich ja noch nie gesehen“, wird immer schwieriger zu erreichen.
Eine Rückbesinnung auf die handwerkliche Qualität und den mit dem Auge greifbaren Inhalt, der humoristisch bis politisch interpretiert werden kann, ist die einzig logische Schlussfolgerung. Qualität lässt sich besser vermarkten.
Greifbarer Inhalt ist einfacher zu erkennen. Ein technisch gut gemaltes Bild überzeugt leichter. Was helfen die größten Investitionen in die Rahmenveranstaltung, wenn der Sammler und Käufer die Kunst noch erklärt bekommen muss.
Das Unverständnis zeitgenössischer Kunst und mancher Objekte, wächst mit der Anzahl der unterschiedlichen Arbeiten, die für den Laien, zum Teil austauschbar erscheinen, weil sie keine klare Position beziehen.
Es geht schließlich um den Geschmack des Käufers und seine Präferenzen.
Der Sammler und Kunstinteressierte möchte das Werk mit seinen eigenen Augen entdecken, verstehen und von dem betrachteten Objekt fasziniert sein. Die Kunst muss ihn berühren, packen sowie Interpretationsspielraum bieten.
Kurz: Es muss ihm gefallen.
Sicher lässt sich über Geschmack streiten. Kunst kann stark polarisieren.
Jedoch möchte ich behaupten, dass man Tendenzen der Faszination und des daraus folgenden Gefallens erkennen kann. Neben dieser „Gefälligkeit“ gibt es ein Grundverständnis für den Begriff „Kunst“ von vielen Menschen.
Die Qualität der Arbeitsweise und die Neuartigkeit lässt sich bestimmen.
Wenn sich der Künstler stetig entwickelt, eine eigene Handschrift besitzt und nicht für den Markt arbeitet, ergibt sich eine Beständigkeit im Preisniveau der Werke. In Zeiten der Unsicherheit ist Beständigkeit und die damit einhergehende Sicherheit zunehmend für den Käufer ein Qualitätsmerkmal und unterstreicht seine Kaufentscheidung.
Das heutige Kunstwerk sollte sich daher nicht der Farbe des Sofas oder des Teppichs sowie der zur Verfügung stehenden Fläche beugen. Je unabhängiger die Arbeit des Künstlers vom Markt ist, desto beständiger ist auch die Qualität der Werke.

Der heutige Kunstmarkt lässt nur wenigen jungen Talenten den Freiraum, wirklich künstlerisch zu arbeiten, ohne dass sie Verkaufsstrategien unterliegen und nur das erarbeiten, was gut in Sammlungen passen könnte.

Auch wenn die wahre Ästhetik, die Neuartigkeit und die Intellektualität von fast allen Mitspielern streng propagiert wird, scheinen sich nur eine Handvoll erfolgreich für die seelische Existenz der Kunst wirklich einzusetzen. Sie begreifen, dass der Markt nur wegen der Künstler existiert.
Da liegt das Potenzial des Berliner Kunstgeschehens. Es gibt unzählig viele unentdeckte Künstler, die in höchster Qualität arbeiten, aber nicht von einer der „tonangebenden“ Galerien in Berlin vertreten werden.

Der übersättigte und trotzdem überteuerte Kunstmarkt für zeitgenössische Kunst ist von keinem mehr zu überblicken sowie kaum noch zu durchschauen. Seine unübersichtliche Größe, die ungreifbare Masse an meist selbst erklärter Künstler sowie die zunehmende Austauschbarkeit sind seine Schwäche.

Der Künstler und die Kunst brauchen einen gesunden Markt, in dem die Kräfte ausgeglichen sind.  Künstler brauchen eine professionelle Plattform, eine Brücke zur Öffentlichkeit, um ohne den herkömmlichen Galeriebetrieb auf sich aufmerksam zu machen.
Wie schon beschrieben – eine Rückbesinnung auf Kunst mit hoher, nachvollziehbarer Qualität ist die Konsequenz. Sammler kaufen wieder mit ihren eigenen Augen, ihrem eigenen Gefühl und entdecken einzigartige Werte.

Ein Kunstmarkt, der begreifbare Qualität vermarktet, hat langfristig Bestand.

Berlin ist und bleibt die Stadt der Künstler

Berlin ist inzwischen einer der führenden Produktionsstandorte für zeitgenössische Kunst in Europa und der Welt geworden. Viele Galerien, Sammler und Kunstliebhaber interessieren sich für die Kunst aus der deutschen Hauptstadt, die als weltweit größte Produktionsstätte von Gegenwartskunst gilt. (Berlin Contemporary, Angela Hohmann, Imke Ehlers, Jovis Verlag, 2005)
„Junge Künstler aus der ganzen Welt kommen in die Kulturmetropole an die Spree. Viele lassen sich hier nieder, weil sie sich von der schöpferischen Atmosphäre der Stadt beflügelt und inspiriert fühlen.“, so die Freunde der Nationalgalerie. (www.freunde-der-nationalgalerie.de / aufgerufen am 24.10.2008) „Internationale Künstler wollen am liebsten in Berlin ausstellen.“ bestätigt Philomene Magers, die mit ihrer Partnerin ihr Stammhaus aus Köln nach Berlin verlegt und ihre Dependace in München schließt. Monika Sprüth, Hagers Geschäftspartnerin hält Berlin einfach für einen der wichtigen Orte, „wo der Diskurs geführt wird.“ (So funktioniert der Galerienboom von Elke Buhr im Art Magazin, Nr. 11, November 2008)

Die Nachwendezeit in Berlin brachte viele Künstler von außerhalb in die Stadt und hielt viele einheimische Künstler. Die entfesselnde Stimmung, die niedrigen Mieten und die damit verbundenen niedrigen Unterhaltskosten machte Berlin interessant für junge Künstler sowie Galerien und eröffnete ihnen neben den Etablierten neue Chancen und Nischen. Heute bietet die Stadt ein hohes Potenzial an qualitativ hochwertiger Kunst, eine Vielzahl an Galerien und immer wieder neue kleine Kunstzentren.

Anfang der Achtziger Jahre machten in Berlin nur die „Jungen Wilden“ im Westteil der Stadt auf sich aufmerksam. Jedoch hatte Berlin, auch durch seine Lage, im Gegensatz zu anderen deutschen Städten wie beispielsweise Köln oder Düsseldorf bis auf wenige Ausnahmen nur einen geringen Stellenwert im deutschen Kunstmarkt. Es gab zwar seit Ende der Sechziger Jahre eine rege Subkultur auf der „Insel Berlin“, die sich zum größten Teil in Kreuzberg abspielte. Die neue Gesellschaft für Bildende Kunst (ngbk) unterstützte seit 1969 die westberliner Kunstbewegung. Berlin stand für Freiräume und Platz für politischen Protest, den die Lage der Stadt mit sich brachte. Jedoch blieb Berlin vom Treiben des Kunstbetriebs in Westdeutschland und der Welt größtenteils unberührt. So hatten Künstler, die schon zu den anerkannten ihrer Gattung zählten in Berlin meist noch keine Galerie, die sie repräsentiert hat. Eine Handvoll Galerien, die die Fahne der jungen Künstler in Berlin hochhielten, waren unter anderem Wewerka & Weiss und die Galerie Zwinger.
In Ostberlin war die Künstlerszene rund um den Prenzlauer Berg angesiedelt und setzte sich hartnäckig gegen die ideologischen Strukturen des DDR-Regimes zur Wehr. Noch politischer und konspirativer als in Kreuzberg fand hier das Künstlerleben in Hinterhöfen und stillgelegten Fabriken statt.

Der Schritt in den internationalen Kunstmarkt wagte Berlin erst nach Maueröffnung und wurde durch eine neue Generation von jungen Galerien in Berlin-Mitte vorangetrieben. Die Ersten im heutigen Galerienviertel rund um die Auguststraße waren Friedrich Loock mit seiner Galerie Wohnmaschine, die er schon seit 1988 als illegale Wohnzimmergalerie gegenüber seiner jetzigen Adresse führte, und „Judy“ Lybke, der 1992 mit seiner Galerie Eigen + Art aus Leipzig nach Berlin-Mitte kam. Dann eröffnete eine Galerie nach der anderen in diesem „neuen“ Berlin. In dieser Pionierzeit, einer Zeit des Umbruchs, entstand eine neue Kunstszene. Die niedrigen Häuser, die engen Straßen und das „Ost-Flair“ mit illegalen Partys, temporären Bars und Untergrundclubs in Hinterhof-Kellern und Ruinen inspirierten zu Aktionen und machten die Stadt mit einer entstehenden Subkultur lebendig. Es war eine Zeit der Improvisation. Die Kneipen- und Clubszene verschmolz mit der Kunstszene. Es entstanden in den frühen Neunziger Jahren Initiativen wie das Tacheles in der Oranienburger Straße, das ACUD oder die aktions galerie.

Das Kunstleben hatte sich also größtenteils aus dem westlichen Kunstbezirk Charlottenburg mit seiner Galerieszene und dem wilden Kreuzberg in den frischen und abenteuerlichen Teil der Stadt wie Mitte oder Prenzlauer Berg verlagert. Dazu trugen die Galeristen einen Teil dazu bei, die keine Mauer zwischen Ost und West in ihren Köpfen hatten.

Die subkulturelle Szene in Mitte hat sich dann im Laufe der Jahre bis heute stark kommerzialisiert. Aus den Projekträumen dieser Zeit wurden kommerzielle Galerien. Das BüroFriedrich des Niederländers Waling Boers kuratierte 2005 für die Londoner Frieze ein „specefic artists“-Projekt, Maschenmode von Guido W. Baudach, Martin Germann und Peter K. Koch und der loop-raum für aktuelle Kunst von Rüdiger Lange, die für die Kunstszene der Anfänge in Mitte zählen, wurden kommerzielle Galerien.

Heute hat sich die Waage wieder etwas austariert, denn die Stadt scheint in ständiger Bewegung zu sein. Andere Bezirke sind, obwohl sie schon immer da waren, zu den nichtkommerziellen „Kunstschauplätzen“ geworden. Die Subkultur hat sich demnach wieder verlagert. Mittlerweile teilt sich die Stadt den Kunstbetrieb auf.
Charlottenburg und seine Galerien vertreten zum großen Teil die arrivierten und schon etablierten Westberliner Künstler. Außerdem finden sich hier die Galerien, die mit Moderner Kunst und der Avantgarde handelt.
In Mitte sind die Galerien zu finden, die durch ihren internationalen Ruf und Einfluss agieren. Derjenige, der auf dem internationalen Parkett mitspielen möchte, hat eine Fläche in Berlin-Mitte angemietet. Selbst Michael Schultz als Westberliner Urgestein der Kunst hatte Anfang der Neunziger Jahre mit dem Gedanken gespielt, sich in der Nähe der Oranienburger Straße niederzulassen. Nachdem sich die Pläne zerschlagen hatten, steht nun im Jahr 2010 vielleicht ein Umzug in ein Künstlerhaus in der Nähe der Berlinschen Galerie in Mitte an. (Interview mit dem Autor, 7.1.2009)
Ende der Neunziger Jahre und nach 2000 verlagerte sich schon das experimentierende Künstlervolk eher in Richtung Friedrichshain. Hier entstehen neben Prenzlauer Berg eine Reihe von Galerien und Designerläden, wo sich Künstler aus aller Welt ausprobieren.
Heute sind aber auch eigentliche Außenseiterbezirke angesagt. So ziehen einige Künstler und Galerien in Bezirke wie Wedding oder Tiergarten. Entlang der Brunnenstraße breitet sich das Kunstleben in Richtung Norden, Richtung Wedding, aus. Es entstehen neue kleine Galerien, kleine Kunstzentren, die neue, relevante Positionen aktueller Kunst von noch unbekannten Talenten zeigen.
Aber auch Kreuzberg und Neukölln sind seit ein paar Jahren wieder zu den Bezirken zu zählen, wo junge Kunst entsteht. Dreht sich der Trend wieder um, Richtung Westen? Rund um die Schlesische Straße im „Wrangelkiez“ entstehen temporäre Galerien, immer neuere Läden, in den Kunst und Design verkauft wird. Dabei scheint es, als würden sich junge Kreative, die in Westberlin geboren sind, heute eher in Kreuzberg und die, die im Ostteil aufgewachsen sind, eher in Friedrichshain niederlassen. Verbunden sind die beiden Bezirke durch die Oberbaumbrücke, auf der seit 2003 halbjährlich ein Kunstmarkt, eine „Open-Air-Gallery“ stattfindet. Der Markt wird vom  Stadtteilausschuss Kreuzberg e.V. organisiert und „soll einen neuen Raum für Kunstbetrachtung und Kunstverständnis schaffen“. (http://www.welt.de/welt_print/article2333641/Kunst-auf-der-Oberbaumbruecke.html / aufgerufen 24.10.2008)

Berlin bietet – sich immer wieder neu eröffnende – Freiräume für künstlerische Positionen, immer neue Projekte und Initiativen. Wenn der eine Teil der Kunst sich kommerzialisiert, wird in einem anderen Teil experimentiert und rebelliert. Auch wenn das Tacheles, eine vor 18 Jahren von Künstlern besetzte Kaufhausruine, unter den Hammer einer Zwangsversteigerung kommt, weil der Pachtvertrag zum Ende 2008 ausläuft (Tagesspiegel, 15.11.2008, Das Tacheles kommt unter den Hammer), werden sich andere Nischen auftun, wo die Kunst Platz zum experimentieren findet.

Und das ist es, was Berlin auszeichnet. Es ist eben die größte Produktionsstätte zeitgenössischer Kunst. Es bilden sich immer neue Projektgruppen mit kreativen Ideen. Die bis heute relativ niedrigen Mieten und Unterhaltskosten lassen viele Künstler in Berlin leben und arbeiten. Dies gibt Galeristen die Möglichkeit, sich auf die sogenannte „Emerging Art“ zu konzentrieren, sich einen noch unbekannten Künstler mit Potenzial rauszusuchen und im Kunstbetrieb durchzusetzen. Es scheint alles möglich zu sein.