Museen werden zu privaten Ausstellungsräumen

WIE ENTSTEHEN TRENDS, HYPES UND WER BILDET MEINUNG?

Freier Eintritt in Museen wird von den renommierten Kunstkritikern, wie Hanno Rauterberg, ZEIT-Redakteur gefordert. Die Berliner Museen „haben in Berlin 2006 auf 2007 einen 20-prozentigen Zuwachs an Besuchern gehabt.“, so der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Klaus Dieter Lehmann im Deutschlandfunk am 31.1.2008.
Museen sind beliebt, und das nicht nur an regnerischen Tagen. 2005 zählten die Berliner Museen 11.437.354 Besucher. Im Jahre 2004 waren es 11.292.090, davon allein 1,1 Millionen in der MoMA-Ausstellung. (http://www.in-berlin-brandenburg.com/Freizeit/Museen.html)
Das Marketing stimmt. Es wird zunehmend die breite Masse angesprochen, die sich zunehmend für Kunst interessieren soll. Wer hat es nicht gesehen? „Die schönsten Franzosen kommen aus New York“ prägten das Stadtbild. Rund 5000 Besucher strömten seit Ausstellungsbeginn täglich zu den französischen Meisterwerken des Metropolitan Museum of Art (kurz: Met) in die Neue Nationalgalerie. Insgesamt waren es rund 680.000 Besucher in vier Monaten.

Um die 6.000 Museen deutschlandweit bemühen sich um das kulturinteressierte Volk, davon 600 um die Kunstliebhaber. Die Kunst, ein kräftiger Wachstumsmarkt, mit fast 2000 Sonderausstellungen im Jahr und mehr als 17 Millionen Besuchern, Tendenz steigend, führte zu einem „Bauboom“ von Museen, so Hanno Rauterberg in der ZEIT. (Hanno Rauterberg | © DIE ZEIT 21.10.2004 Nr.44)
Nach einer Kunsthysterie der Achtziger und Neunziger Jahre ist ein neuer Boom zu spüren. Überall wird geplant, erweitert, gebaut. Besonders in den kleineres Städten wie Hombroich, Mülheim, Münster oder Wiesbaden hofft man auf Ansehen.
Aber auch in den Kunstzentren wie Leipzig, Berlin, Hamburg oder München wird neu gebaut oder aufgestockt.
Alle hoffen darauf, durch neue glänzende moderne Paläste Kunst- und Kulturzentren zu werden. Oftmals reicht jedoch das Geld nur zum Bau von Museen, jedoch fällt das Betreiben der Häuser dann umso schwerer. Schrumpfende Etats lassen das Aus vieler gerade erst entstandenen Museen erwarten. Das MoMa-Phänomen, welches man in Berlin erleben konnte, bleibt der Ausnahmefall.

Das ebnet den Weg für Privatsammler, die ihre Kollektionen als Leihgaben den Museen zur Verfügung stellen, die sich kaum noch eigene Ankäufe leisten können.
Museumsdirektoren sind abhängig geworden von Industrie und Wirtschaft, die als Sponsoren oder Partner fungieren und damit immer mehr Einflussnahme auf die Sammlungen und Ausstellungen ausüben.

In Frankreich oder in den USA halten Museen ihre Autorität aufrecht. Dort besteht man auf Schenkung oder Stiftung. Ein Ausstellungsraum eines Museums wird nicht so leicht zu einem Showroom für Sammler, die damit ihre Werke aus den Depots mal in die Öffentlichkeit tragen können.
In den Museumshallen gewinnen die Kunstobjekte an Wert, da auch ihre Popularität steigt. Jedoch gerät das System, in dem eigentlich das Kunstmuseum erklärt, was Kunst ist, aus den Fugen. „Heute entscheiden das immer stärker die Sammler und ihre Galeristen.“ (Hanno Rauterberg | © DIE ZEIT 21.10.2004 Nr.44)
„Diese Art von Ausverkauf und Unterwerfung ist“ nach Meinung des ZEIT-Redakteurs „die eigentliche Bedrohung für das deutsche Museum …“ und „verspielt so sein größtes Kapital: seine Glaubwürdigkeit.“ Das geschieht jedoch nur in den Augen der Experten und derer, die genauer hinsehen. Für den Normalbürger bleibt der Skandal in den Grenzen, woher der Sammler sein Vermögen hat.
Es gibt natürlich Unterschiede. Wenn zum Beispiel ein Sammler wie Reiner Speck einen Teil seiner Kollektion dem K21 in Düsseldorf zur Verfügung stellt, hat es weniger den Ruch der gezielten Wertsteigerung, als wenn Kunst von der Plattform „Museum“ während einer Ausstellung verkauft werden. Dies geschah 2001, als Hans Grothe mit einem Auktionator durch das Bonner Kunstmuseum schritt und Bilder aus seiner eigenen Sammlung für den Verkauf auswählte, obwohl noch ein Leihvertrag lief. Inzwischen hat eine andere Sammlerfamilie den Vertrag übernommen.
In Berlin begnügt man sich hingegen mit Leihvertragszeitspannen von sieben Jahren. Friedrich Christian Flick präsentiert seine Sammlung im Berliner Hamburger Bahnhof.

Das Museum war stets eine Institution, die Kunst wirklich zur Kunst erhoben hat und einen Wert und dessen Beständigkeit garantierte.
Wo jedoch in öffentlichen Einrichtungen monetäre Mittel fehlen, entsteht eine Abhängigkeit zu Sponsoren und Sammlern, die zu Geschäftspartnern werden. Hier geht es nicht mehr um die Kunst als solches. Hier geht es neben der Liebe zur Kunst um Gewinnmaximierung.
Und weil Museen ein Garant für Wertsteigerung ist, sind hier Händler, die sich Galeristen nennen, nicht fern.

Ohne Leihgaben versuchte Udo Kittelmann, ehemaliger Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst und Direktor der Nationalgalerie in Berlin, auszukommen. Er arbeitete fast ausschließlich mit der hauseigenen Sammlung, wobei im Juli 2005 der Sammler Dieter Bock, nach Ablauf eines geheimen Vertrages, 500 zeitgenössische Werke abzog.
Jedoch gelang es Kittelmann diesen Rückschlag gut wegzustecken, indem er durch Insiderinformationen günstig Kunstwerke durch Sponsorengelder ankaufen konnte und somit den Bestand der museumseigenen Sammlung bis heute sichert.
Im Interview mit Nicola Kuhn im Tagesspiegel vom 29.10.2008 bestärkt er seinen Auftrag, den er als Museumsdirektor hat: „Ich sehe kein Diktat der Quote. Schließlich lässt sich auch nicht jedes Jahr eine MoMA-Ausstellung auf die Beine stellen. Ginge man allein nach der Quote, würde man sich auf Dauer dem jeweils herrschenden Mainstream aussetzen, was einherginge mit dem Verlust inhaltlicher Substanz. Das ist für mich nicht die Aufgabe einer öffentlichen Kulturinstitution. Damit wäre der Bildungsauftrag nicht mehr erfüllt. Das wäre dann so, als würde man in der Schule keinen Goethe mehr lesen, weil die Nachfrage danach nicht mehr gegeben ist. Wo kämen wir denn da hin?“ (TS, 29.10.2008, Kunst ist geistiges Kapital)

„Die Sammlung ist nicht bloß das akkumulierte Kapital, das den Sammler die Macht über den Künstler als Arbeiter verleiht. Es gibt nämlich auch die Arbeit des Sammelns – und diese ist, wie gesagt, auch eine künstlerische Arbeit, weil sie den Dingen unserer Welt den Kunststatus verleiht.“, so Boris Groy in „Über das Sammeln der Moderne“, in „Wahre Wunder“, Köln, 2000, S. 229.

Nicht nur Sammler beziehen Position, auch einige Museumsdirektoren und Kuratoren versuchen wie Udo Kittelmann gegen die zunehmende Event-Kultur und damit auch gegen den Markt zu schwimmen. Sie versuchen aus eigenen Beständen Ausstellungen zusammenzustellen. Ankäufe und Neuzugänge kommen über Stiftungen ins Haus.

Ausstellungen in Museen richten sich heute eher nach dem Kunstmarkt, als nach den Künstlern oder nach dem Publikum.
Ausgestellt wird, was in ist. In Berlin löste die Friedrich-Christian-Flick-Collection die Sammlung Marx ab. Hier setzt man dann doch nur auf Leihgaben.

Aber nicht nur Privatsammler stellen ihre Werke den Museen zur Verfügung.
So entstehen Fondsgesellschaften, die wie zum Beispiel in Mönchengladbach in Hedgefonds investieren. Gemeinsam sammeln Aktionären dann zeitgenössische Kunst, haben mit dem Museum vor Ort einen Vertrag, das sie vier mal im Jahr Neuerwerbungen ausstellen lässt.
Der Vorteil für die Häuser ist, dass immer kostengünstige Ausstellungen zeitgenössischer Kunst laufen und das Niveau des Museums einen international hohen Standard hält.
Das Haus erhält als Schenkung von der Fondsgesellschaft ein Werk als Schenkung, hat aber in Wirklichkeit die Autorität des Museums verloren und den Wert der in Öffentlichkeit gezeigten Werke stark gesteigert.
Der eigentliche Vorteil liegt aber beim motivierten Galeristen, Händler oder Aktionär, der durch Marktbeobachtung kauft und somit entscheidet, was Kunst ist.

Wenn die Sammlung nicht in ein staatliches Museum Einzug hält, wird ein eigenes Haus dafür gebaut.
Immer mehr Privatsammler eröffnen ihre eigenen Kunsthallen.
Das erste deutsche Sammlermuseum eröffnete 1991 in Bremen. In einem ehemaligen Kaffeespeicher trugen elf Sammler ihre Werke zusammen und gründeten mit fast 6.000 Quadratmetern das Neue Museum Weserburg.
In Düsseldorf gibt es seit 2002 das „K21“ als „Museum für internationale Gegenwartskunst“. Im ehemaligen Parlamentsgebäude entstand nach Umbauarbeiten, die 48 Millionen Euro kosteten, eine Ausstellungsfläche von 5.000 Quadratmetern, zunächst für Kunstobjekte aus drei Sammlungen. (Herstatt, Claudia: Fit für den Kunstmarkt. Hantje Cantz. Ostfildern, 2007, S.64)
In Berlin sind es das Ehepaar Hoffmann, Axel Haubrok, Wilhelm und Gabi Schürmann und Christian Boros, die gar nicht mehr auf die staatlichen Institutionen zugehen und den Wert ihrer eigenen Sammlungen steigern.

Der Londoner Sammler Charles Saatchi eröffnete am 9. Oktober 2008 sein eigenes Museum im ehemaligen Hauptquartier des Duke of York Regiments im Stadtteil Chelsea. Der Eintritt für den allgemeinen Besucher der wechselnden Ausstellungen auf rund 6.500 Quadratmetern ist selbst bei kuratierten Sonderausstellungen frei. Das ermöglicht ein Deal mit dem Auktionshaus Philips de Pury & Company, der diesen freien Eintritt sponsort. Im Gegenzug soll der Sammler hauptsächlich bei ihm Werke zur Versteigerung anbieten. (ART Magazin, Nr. 10, Oktober 2008, Eintritt frei für Saatchis Kunst, S. 125)

Der neuste „Coup“ im Bereich Privatmuseum ist am Humboldthafen am Hauptbahnhof geplant. In bester Lage gibt der regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, das Gelände für Investoren frei, die an diese Stelle neben einer „schicken“ staatlichen Kunsthalle ein Privatmuseum hinsetzen. Als Investor ist Nicolas Berggruen, Sohn des 2007 gestorbenen Mäzens Heinz Berggruen, im Gespräch.
Dort soll auf jeweils 2.000 Quadratmetern hochkarätige Kunst des 21. Jahrhunderts mit einem Versicherungswert von mindestens 50 Millionen Euro gezeigt werden, die der Investor gleich mitbringen soll.
Es gibt jedoch großen Streit über das Wie und Wo und ob überhaupt eine neue Kunsthalle entstehen soll. (Tagesspiegel vom 9.1.2009)

Es wird auf Synergieeffekte zwischen dem Privatmuseum und dem Hamburger Bahnhof mit der Flick-Collection vis-à-vis der Invalidenstraße mit ihrer Halle am Wasser gesetzt. Diese Nähe soll dazu beitragen, den oft noch namenlosen Künstlern, die in der Kunsthalle ausstellen werden, Aufmerksamkeit zu garantieren.

Kritiker befürchten, dass man zum dritten Mal nach Marx und Flick den Fehler begeht, mit dem Privatmuseum ein „profilloses Monstrum“ entstehen zu lassen. (Zitty 21/2008, S. 12)
Alice Ströver, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, ist über die Entscheidung entsetzt: „Es ist ein Kardinalfehler, eine Kunsthalle an das rein kommerzielle Interesse eines Investors zu koppeln.“ Für diesen Zweck plädierte sie für den Blumengroßmarkt in Mitte. (Tagesspiegel vom 01.10.2008) Dieser wird im Sommer 2010 von den Blumenhändlern verlassen und könnte dann zwischen dem Jüdischen Museum und der Kunst aufgeteilt werden.

Warum dabei das Privatmuseum in diesem Fall wieder „Museum“ heißt und die staatliche Institution nur „Kunsthalle“ zeigt die Symptomatik des Problems. Das Museum hat den eigentlichen Auftrag vergessen und setzt scheinbar nur auf teure Kunst. Susanne Pfeffer, Kuratorin der Kunst-Werke Berlin, sagt im ART Magazin: „Museen bilden das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft. Ihre Aufgabe ist Vermittlung, Bewahrung, wissenschaftliche Aufarbeitung sowie Bildung eines Kanons. Eine Privatsammlung dagegen zeigt individuelle Interessen und Vorlieben eines Sammlers.“ (ART Nr. 8, August 2008, S. 105, Erst das Bestehende sichern)

Als Barometer, welches bei wahrer Kunst ausschlägt, kann sich das Museum auch für Fachleute erst wieder rehabilitieren, wenn es unabhängig bleibt. Es darf nicht versucht werden, die eigene Unzulänglichkeit und nicht komplettierte Kollektionen mit Leihgaben von gewinnorientierten Sammlungen zu kaschieren.
Dadurch, dass es in Deutschland keine Museumsverkäufe gibt, hat das Werk, welches von einem staatlichen Haus angekauft wurde, einen anerkannten Wert.

Katja Blomberg, aus dem Haus am Waldsee in Berlin sagt: „Die Museen befinden sich somit in einer schizophrenen Situation: Sie schaffen gerade da Werte, wo sie dem Markt auf lange Sicht Kunstware entziehen, und nicht dort, wo sie ihr hohes Image an taktierende Privatsammler und undurchsichtige Sammlerfonds verkaufen.“ (Blomberg, Katja: Wie Kunstwerte entstehen. Das Geschäft mit der Kunst. Murmann Verlag, Hamburg, 2005. 3. Ausgabe März 2008)