Geld ist tabu

In der Bibel ist „Habgier“ eine der sieben Todsünden. Nachdem im Mittelalter mit dem Aufkommen der Geldwirtschaft, das Streben nach Reichtum zunahm, ist es heute zum Lebensinhalt geworden. 1994 nannten 63 Prozent der US-Bürger das Geld als Hauptmerkmal für ein glückliches Leben. (1) Während das Christentum die Gläubigen auf die Zeit nach dem Tod vertröstet, bietet der Kapitalismus Erlösung des irdischen Leidens durch Geld. Der Kunstmarkt scheint sowohl nach Außen hin noch „heilig“ als auch eine Oase in der Masse der Märkte zu sein, die auf Geld fixiert sind. Der Schein ist jedoch trügerisch.

In keinem anderen Markt spielt Geld so offensichtlich keine Rolle wie in dem Kunstmarkt. Zwar tun die Galeristen in den Interviews ganz offen bezüglich des Themas Geld, jedoch wird um direkte Aussagen eher ein großer Bogen gemacht. Man redet in der Regel nur über Ausgaben, die man hat. Der Kunstbetrieb profitiert von der allgemeinen Vorstellung, dass Kunst unkommerziell ist. Der Kommerz wird verleugnet und in den Kunstwerken selbst angeprangert. Kunst wird doch mit Geld bezahlt und fast jeder Künstler, so „unkommerziell“ er sich auch geben mag, verkauft seine Kunst.

Das Künstlerdasein gilt als Berufung und nicht als Beruf, der Galerist ist ein Mentor und Entdecker aber kein Händler. Der Sammler gibt sich gerne als Kunstliebhaber und nicht als einfacher Käufer oder gar als Spekulant.

In Berlin scheint das Misstrauen gegenüber dem freien Markt am größten zu sein. Selbstaufopferung und Leben an der Armutsgrenze für die Kunst sind hier noch hoch angesehen.

Preislisten sowie Auktionserträge werden geheim gehalten und nur unter der Hand gehandelt. Daher gibt es kaum aktuelle Kunstmarktzahlen, weil der Markt zu klein und unbedeutend sei, so eine Mitarbeiterin des Landesverbandes Berliner Galerien in einer E-Mail an den Autor. Aber ein Kunstmarkt der deutschlandweit 800 Millionen Euro umsetzt – Berliner Galerien machen davon rund sieben Prozent aus – erscheint groß genug, um darüber zu reden.

In den großen und anerkannten Galerien sucht man vergeblich nach Preisschildern oder Preislisten. Im persönlichen Gespräch mit dem Galeristen kann man den Wert der Arbeiten erfahren.
Künstler selbst tun sich oft sehr schwer, ihre eigene Arbeit finanziell zu bewerten. Kunst lässt sich eben nicht wie Kunstturnen bemessen.

Allgemein gilt eine Formel zu Berechnung eines Bildpreises. Misst ein Bild 100 Zentimeter in der Höhe und 200 Zentimeter in der Breite, werden diese beiden Werte addiert und dann mit einem Faktor, der dem Künstler zugewiesen ist, nehmen wir den Wert 40 an, multipliziert. Daraus ergibt sich ein Preis von 12.000 Euro, denn (100 + 200) x 40 = 12.000.

Für jede Technik und für jeden Künstler kann so ein Faktor ermittelt werden, der allgemein für die Arbeiten eines Künstlers einsetzbar ist. Damit werden die Kunstwerke eines Künstlers untereinander vergleichbar. Obwohl man mit einem Fragenkatalog zum Werk, zum Künstler, zur Ausstellungsaktivität und zur Medienpräsenz den Faktor ermitteln kann, ist die Preisbildung für ein Werk doch sehr subjektiv. Die Berliner Galeristen setzen die Preise sehr unterschiedlich und nach anderen Maßstäben an. Die Formel scheint nur einer theoretischen Ideologie hinterherzulaufen. So müssen die Preise, der zu hoch angesetzten Werke von zeitgenössischer Kunst, meist nach unten korrigiert werden.

Generell entstehen die Werte unter anderem auf dem Kunstmarkt, mit dem Angebot und der Nachfrage, die man scheint, beeinflussen zu können. Das Spiel mit der Kunst gleicht zum Teil einem Pokerspiel. Derjenige mit dem härtesten Pokerface und dem meisten Mut liegt weit vorne. Es zählen Stipendien im Lebenslauf des Künstlers, manchmal mehr die Hochschulprofessoren und auch das Auftreten des selbigen. Der Markt funktioniert oftmals nur durch einfache Behauptungen statt durch präzise Argumente. Wie könnten es objektive und qualitative Merkmale geben, wenn jeder die Qualität anders bemisst.

Diskretion ist das Zauberwort, und so „funktioniert“ dieser undurchsichtige Markt. Es gibt im Kunstkauf keine Verträge. Selten wird der Preis bezahlt, der anfangs im Raum stand. Den eigentlich Betrag, der den Besitzer wechselt, wissen nur die beiden Parteien.

Kunst ist Luxus und über Geld, den man für Luxus ausgibt, spricht man nicht.

  1. Roper-Starch Worldwide, Zit. in: Robert Shiller: Irrational Exuberance. Princeton, 2005, S. 36