Der Sammler – Der Konsument

Wer lebt mit und von der Kunst?

Wo die Passion des Sammelns ihre Geburtsstätte hat, ist bei jedem sehr unterschiedlich. Viele Sammler berichten, dass die Leidenschaft zum Sammeln auf einer der vielen Kunstmessen entbrannt ist.
Sie sind oft reiche Erben. So kann man die Namen der weltweit reichsten Familien auf den internationalen Käuferlisten lesen. Aber auch die Selfmade-Milliardäre sammeln zeitgenössische Kunst. Darunter sammeln der französische Unternehmer François Pinault und der Hedge-Fond-Manager Steven Cohen neben Burda und Co.

Insgesamt zählen 2006 laut der Zeitschrift Forbes wohl 500 der 793 Milliardäre weltweit zu den Groß- und Größtsammlern von Kunst. Die Zahl hat sich im Vergleich drei Jahre zuvor verdreifacht. (Rauterberg, Hanno: Und das ist Kunst. Eine Qualitätsprüfung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2008, S. 42)

Platon schrieb, dass es die Betrachtung des Schönen ist, wofür es sich zu leben lohnt. Dem Sammler reicht das Betrachten jedoch nicht. Er möchte besitzen. Der deutsche Kunstsammler Christian Boros bestätigt diese These: „Als Sammler willst du haben.“ (Dossi, Piroschka: Hype. Kunst und Geld. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 2007. 4. Auflage 2008, S. 54, Anmerk. 2)
Der Sammler sieht in dem Besitz Macht. Es ist die Herrschaftsmacht desjenigen über die Sache im privaten Universum.
Vergleichbar ist das Sammeln von Kunst, dem Objekt der Begierde mit der Jagd nach dem Kopf in primitiven Gesellschaften, oder das Sammeln von Reliquien im Mittelalter. In der Vorstellung sind all diese Objekte mit einer Kraft beseelt, die auf den Besitzer übergeht. Ob Gefühle des Alleinseins, Ohnmacht, das Streben nach Einzigartigkeit oder Zugehörigkeit – es gibt immer ein passendes Objekt, der den Seelenzustand lindert, oder für kurzen Augenblick an dessen Stelle tritt. Ist der Moment vorbei, gibt es einen nächsten Wunsch.

Der Sammler ist aber auch ein Kind. Infantil erweckt er das Objekt, das Kunstwerk, wie einen Teddy zum Leben. Das Sammeln ist dann die Anhäufung von Gegenständen, zu denen der Sammler eine langlebige und persönliche Bindung aufbaut. Sie dient dem Schutz vor dem Gefühl der Verwundbarkeit.

In der Vorstellung beherbergt der Schädel des Feindes für einen melanesischen Kopfjäger „mana“, eine unsichtbare Kraft, die den Krieger zum Sieg führt. Für den mittelalterlichen Christen besaßen die Knochen eines Märtyrers eine Energie, die ihm unermesslichen göttlichen Schutz bot.

Heute bietet uns die Industrie Schönheit und Erfolg, wenn wir deren, in der Werbung beworbenen, Produkte benutzen. Dieses Übertragen von Vorstellungen auf Produkte und ihre positive Wirkung wird als „emotional branding“ bezeichnet.

Jedoch ist Sammeln noch eine gesteigerte Form des Konsums. Eine Sammlung drückt immer die Identität und die Beschaffenheit seines Besitzers aus. Und so möchte der Sammler auch gesehen werden, als Schaffender nach dem Schaffenden. Er ist nicht nur Käufer und Manager seiner Sammlung, er sieht sich gerne als moderner Medici. (Hype, S. 61, Anmerkung 8). Das ist die ein Gruppe der Sammler.
Die andere sehnt sich nur nach Prestige und Anerkennung. Dort fehlt ein Zusammenhang zwischen den Werken. Oft lassen Sammler sammeln. Die Auswahl übernimmt dann eine Galerie, die weiß, was im Wert steigen wird.
Es sind diejenigen im Auktionshaus, die eh schon alles haben und ihren Reichtum durch Schmuck oder ihr Auto nicht mehr präsentieren können, die die Preise ins Unermessliche steigen lassen. Es geht hier um Provokation und infantilen Machtstreit im Raum der Auktion. Wer bekommt den Zuschlag? Derjenige, der den längeren Atem hat und die tiefere Tasche besitzt, profiliert sich durch den Gewinn der Versteigerung und die Genugtuung, jemand anderem das Objekt der Begierde weggeschnappt zu haben. Für die neu aufkommende Sammlerschaft aus Osteuropa und China ist der Kauf teurer Kunst die Eintrittskarte in die Luxuswelt. Geld spielt hier keine Rolle – Hauptsache es ist teuer!

Das Sammeln unterliegt meist einer Ordnung und einem Gleichgewicht der Dinge untereinander. Die Reihenfolge ist die Aneignung des Objekts, das Ordnen, die Gestaltung und die Vervollständigung, die auch in einer Sammelsucht enden kann. Räumt man eine Ecke des Zimmers auf, kann es gut sein, dass danach die ganze Wohnung geputzt ist.

Das Sammeln ist die unendliche Geschichte des Konsums. Hat der Sammler das eine ergattert, ist der Wunsch nach dem anderen geweckt.

Wie auch beim Sammeln von Überraschungseierfiguren ist der Sammler stets auf der Suche nach Schnäppchen und Neuentdeckungen. Der Trend zeichnet sich ab, dass sich die Zahl der Sammler für Gegenwartskunst in den letzten zehn Jahren verdoppelt bis verfünffacht hat. (Dossi, Piroschka: Hype. Kunst und Geld. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 2007. 4. Auflage 2008, S. 65) Es wird in die Junge Kunst investiert und auf junge Künstler gesetzt. Berühmteste Sammlerin, die ausschließlich die jüngste Generation sammelt, ist Ingvild Goetz, die in München ihr eigenes Privatmuseum eröffnet hat.
Wer früh genug den Riecher hat, und wenn zum Schluss alle in die gleiche Richtung schwimmen und alle dem Hype hinterherhechten, desto mehr Genugtuung hat der Käufer. Wer spät einsteigt, muss mehr bezahlen.
Es scheint ein Spiel der Superreichen zu sein. Man schaut neidisch zu der Sammlung seines Rivalen, der schon einen bestimmten Künstler hat, der momentan voll im Trend liegt und gerät unter Druck. Im Gegensatz zum Aktienhandel bei dem Insidergeschäfte seit 1995 unter Strafe stehen, sind diese im Kunstbetrieb erlaubt. Wer dazu gehört, weiß, wann eine Retrospektive bevorsteht und die Preise eines Künstlers in die Höhe schießen.

Es gibt die Sammler, die auf Namen der Künstler vertrauen und das Sammeln, was gerade in der Mode ist und es gibt die Giganten, die vorgeben, welche Marken angesagt sind. Wenn beispielsweise Charles Saatchi Werke eines Künstlers kauft, kann man davon ausgehen, dass sich dieser danach kaum noch vor Anfragen retten kann. Es geht hierbei aber um Gewinnmaximierung.

Die leidenschaftlichen Sammler, bilden jedoch das Gros, die Kunstwerke kaufen, die ihnen etwas sagen oder zu sagen scheinen. Es sind dann auch nicht immer die Superreichen, sondern auch „normale“ Privatsammler, die aus Überzeugung kaufen und sich mit der Arbeit identifizieren.
„Viele Sammler sind um die fünfzig Jahre alt, haben zwanzig oder dreißig Jahre hart gearbeitet und möchten ihr Geld nun in bleibende Werte investieren. Andere sind zwischen dreißig und vierzig und interessieren sich für ein bestimmtes Sammlungsgebiet wie Modephotographie, experimentelle oder Aktphotographie. … Es gibt auch eine ganz neue Generation von Sammlern, die sich auf Photographie spezialisieren. Diese Sammler mischen ganz verschiedene Stile und Epochen. Wieder andere kaufen nur ein einziges Werk, das Ihre Aufmerksamkeit gefesselt hat, und leben damit. Der Anteil von jungen Sammlern (bis Mitte 30) liegt bei etwa 20-30 Prozent.“, so beschreibt die Galerie Kicken in Berlin ihre Käufer. (E-Mail an den Autor, 8.1.2008)

Der kleine Sammler macht 95 Prozent des Umsatzes aus. (Und das ist Kunst?, S. 41) Die Gemeinsamkeit: Egal ob reich oder nur Geringverdiener, die Sammler sind diejenigen, die gerne über das Werk und dessen Hintergrund philosophieren und sich mit dem Künstler austauschen wollen. Sie verwirklichen sich und ihre – meist unterdrückten – Gefühle im Kauf einer künstlerischen Arbeit, die die Freiheit widerspiegelt, die sie selbst meist nicht besitzen. So ist es doch keine Seltenheit, dass äußerlich spießige Manager im Anzug, in ihrem Büro ein „wildes“ Kunstwerk zu stehen oder zu hängen haben. Und der innerlich Zerrissene gönnt sich die ersehnte Ruhe in einem Bild voller Harmonie. Aber alles geschieht mit dem Hintergrund der Freude an der Neuentdeckung und dem Erleben der Kunst.
So betont der italienische Sammler Giuseppe Panza di Biumo 2004 im Schweizer Kulturmagazin „du“: „Das, was alle sowieso kannten und was außerdem viel zu teuer war, das interessierte mich nicht. Ich wollte neues entdecken und den schöpferischen, künstlerischen Moment miterleben, verstehen, was die Künstler dachten, wollten, liebten. […] Solange ich lebe, werde ich nach Dingen suchen, die die Intensität des Lebens ausdrücken.“ (Blomberg, Katja: Wie Kunstwerte entstehen. Das Geschäft mit der Kunst. Murmann Verlag, Hamburg, 2005. 3. Ausgabe März 2008, S. 79, Anmerk. 58)
Ivo Wessel, Softwareentwickler und Sammler in Berlin, kauft nur, was ihm Lust bereitet. (Blomberg, Katja: Wie Kunstwerte entstehen. Das Geschäft mit der Kunst. Murmann Verlag, Hamburg, 2005. 3. Ausgabe März 2008, S. 80, Anmerk. 59)

So muss man zum Schluss doch zwischen den Sammlern, Käufern, Spekulanten und wirklichen Kunstliebhabern unterscheiden, obwohl das Resultat das Gleiche ist: Wer Geld für Kunst ausgibt, hat etwas für die Bildung und die Menschlichkeit getan, indem er dem armen Künstler, dem Außenseiter, geholfen hat. Er darf sich als Sponsor der Künste fühlen, auch wenn er nur kauft, ohne wirklich zu konsumieren. Prestige ist nirgendwo so gegen Geld einzutauschen, wie im Kunstbetrieb.

Text aus der Diplomabschlussarbeit (2009) von Peer Kriesel
»Wie Kunst und Design aufeinandertreffen. Eine Studie über die Vermarktung von Kunst.«