Der Kunstmarkt in Zeiten der Krise

Die Berichte nach den Kunstmessen im Herbst in Berlin im „Jahr Null der Bankenkrise“ klingen prinzipiell positiv. Ein Bild von Neo Rauch wurde auf dem 13. ART FORUM BERLIN gleich nach ein paar Stunden für 500.000 Euro verkauft, und die Messe schloss am 3. November 2008 seine Tore mit einem Besucherplus von acht Prozent pro Veranstaltungstag. Außerdem wurde amerikanische Sammlerprominenz wie das Ehepaar Rubell gesichtet. (1)
In Tempelhof bei der Messe Preview Berlin steckten die Kreditkarten fester in den Brieftaschen, aber es wurde trotzdem eifrig verkauft. Und die Besucherzahl stieg ebenfalls.

Auf der Frieze Art Fair in London war das Bild ähnlich. So schreibt Matthias Thibaut: „Mögen ringsum die Volkswirtschaften zusammenstürzen, Kunst wird immer gebraucht.“  (2)
Jedoch ist wohl zu spüren, dass sich die Verteilung der Kräfte streuen wird. Die Preise fallen und die Sammler kommen aus der Rolle der Bittsteller heraus. Sie können bedenklicher kaufen und lange wurde wohl nicht mehr um Rabatte gefeilscht wie in diesem Jahr.  Das stellt man auch in der Salzburger Galerie Ropac fest.

Die eigentliche Gefahr liegt, wenn man den Experten Glauben schenken mag, bei den Auktionen. Kunst im Luxusmarkt, basierend auf Vertrauen, könnte genauso schnell abschmieren wie der Finanzmarkt.
Auktionshäuser wie Sotheby‘s garantieren Verkaufspreise von so genannten Blue-Chips als Zeichen des Vertrauens. Die Preise werden hoch gehalten, was zur Folge hat, dass Finanzanalysten von der neuen „Korrelation von Kunst- und Goldpreisen“ sprechen.
Besonders Russen und die reichen Osteuropäer legen sich Kunst zu und geben Millionen für Bilder aus, die zu Eintrittskarten in die exklusive Luxuswelt werden.
Jedoch hat dies dann nichts mehr mit Kunst zu tun. Man sichert sich seinen Rang, seinen Stellenwert in der Gesellschaft, indem man sich mit dem Kunst-Luxusgut schmückt.
„Der Kunstmarkt wird nicht vom Vertrauen in einen ewigen Anlagewert getragen, sondern vom Hype der Szene, ihren Stars, ihrem Klatsch. Kunst gehorcht den Mechanismen des Luxuskonsums, samt Markenimage und Herdentrieb: Längst ist sie nicht mehr das, was im Museum hängt, sondern das, was wir bei Sotheby’s oder der Frieze Art Fair kaufen. Gut, vielleicht sind die in die Kunst strömenden Geldflüsse im Kasino der Finanzwelt verspielt worden. Aber verglichen etwa mit dem Welt-Soja-Markt ist der Kunstmarkt Peanuts. Die Grundlage des Kunstbooms bleibt die Verbindung von Geldanlage und Sozialprestige.“  (3)

Also gibt es keine wirklichen Garantien.

So kann man beobachten, dass bei Auktionen teilweise nicht einmal mehr die unteren Schätzwerte erreicht werden und Bilder von Größen wie Gerhard Richter unverkauft zurückgehen. (4)
In New York werden 30 Prozent der Lose nicht verkauft, weil sie zu teuer sind. Preise werden etwas angepasst. „Die niedrigen Taxen aller Werke der vier marktprägenden Abendauktionen in New York betrugen eine Milliarde Dollar, eingespielt wurden 609 Millionen: ein Umsatzrückgang von fast 40 Prozent.“ (5)

Nachdem im Jahr 2005 der weltweite Auktionsumsatz auf vier Milliarden Dollar gestiegen ist, wobei fast 90 Prozent der Werke für unter 10.000 Euro verkauft wurden und vor allem die Preisanstiege im oberen Segment zu verzeichnen waren, ist zu erwarten, dass der Markt der „Millionkunst“ etwas schwächer wird. (6) Wenn man Sabrina van der Ley glauben mag und die aktuellen Auktionsergebnisse mit liegengebliebener Ware verfolgt, werden die Investitionen vielleicht eher in Neuentdeckungen und Junge Kunst getätigt werden.

Für die Qualität der zeitgenössischen Kunst scheint die Zeit der Krise jedoch förderlich zu sein.
„Kapitalismuskrisen sind für Künstler stimulierend.“ (7) Eine alte Maxime in der Kunst verheißt auch, dass schlechte Zeiten gute Kunst hervorbringt, da in langsameren Märkten der Künstler sich wieder auf seine Arbeit konzentrieren kann und diese automatisch vertieft. So sind sich Harald Flackenberg und Don Rubell, beides bedeutende Sammler, einig, dass die Kunst in seiner Qualität in den letzten Jahren, in einer Zeit des schnellen Euros, abgenommen hat. (8) Ein Anstieg der Qualität wird demnach erwartet.

Irgendwie wird die Finanzkrise schließlich auch den Kunstmarkt erfassen, darüber scheint relative Einigkeit. Jedoch haben eher die Galerien das Problem, die ihre Kunst zu Höchstpreisen verkaufen und nun ihre Preise nach unten korrigieren müssen, weil sie sonst wie Seifenblasen zerplatzen würden. Das hat für sie natürlich zur Folge, dass die gewisse Glaubwürdigkeit, die im Kunstbetrieb so essenziell ist, schwindet. Frau Dr. Häußler von Upstais Berlin rechnet damit, dass die Hälfte der Berliner Galerien diese Krise nicht überleben wird. (9) Galerien, die beständige Preise haben, etabliert sind und nicht den überhöhten Auktionsergebnissen hinterhergejagt sind, wie Michael Schultz, sehen jedoch der Krise sehr gelassen entgegen.

  1. Meixner, Christiane: In der Leere liegt die Fülle, Tagesspiegel Nr. 20072, 1.11.2008
  2. Thibaut, Matthias: Die neue Sparsamkeit, Tagesspiegel Nr. 20058, 18.10.2008
  3. Thibaut, Matthias: Kunst ist das neue Gold, Tagesspiegel Nr. 20052, 12.10.2008
  4. dpa/Tsp: Kein neuer Rekord bei Kunstauktion, Tagesspiegel Nr. 20059, 19.10.2008
  5. Thibaut , Matthias: Cool Bleiben, Tagesspiegel, 15.11.2008)
  6. Quelle: Hype, s.o., S. 32 / Art Market Trends, 2005, Artprice 2006
  7. Thibaut , Matthias: Die neue Sparsamkeit, Tagesspiegel Nr. 20058, 18.10.2008
  8. In: Monopol Nr. 5/2008, Art & Economy, S. 34
  9. Dr. Harriet Häußler im Gespräch mit dem Autor am 8.1.2009