Der Künstler – Der Produzent

Wer lebt mit und von der Kunst?

Der Künstler gilt als Schöpfer und oft ranken sich Mythen um diesen Außenseiter. Er schaffte es, sich aus dem Handwerkerdasein zu lösen und ins Rampenlich zu treten, um seine Position zum Leben auszudrücken und den Fokus der Öffentlichkeit auf seine Sichtweisen zu lenken.
Der Künstler spiegelt die Welt und ihre Gesellschaft in Form seiner Arbeit wieder. Er lebt in einer ambivalenten Wirklichkeit zwischen Außenseitertum und Akzeptanzsuche.
Er kämpft stets um Anerkennung und befindet sich ebenfalls immer in einem Kampf gegen sich selbst. Diese Rolle, die in der Antike die des Helden war, entstand mit der Zeit. Vor der Renaissnance war der Künstler ein Handwerker, der mit Pinsel und Farbe oder mit Hammer und Meißel umgehen konnte. Reine Auftragsarbeiten wurden von ihm erstellt.
Dann jedoch löste sich der Künstler aus den Zwängen. Seitdem hat sich das Bild vom Künstler als universalem  Intellektuellen bis zu einer Art „Popstar“ entwickelt.
Erst nach der Renaissance war die Fähigkeit der Schöpfung nicht mehr nur allein Gott zugewiesen. Die Befreiung des Künstlers leitete die Erfindung der Zentralperspektive durch den Maler, Architekten und Bildhauer Filippo Brunelleschi ein. Durch diese Art der Darstellung  konnte eine Illusion der Wirklichkeit erschaffen werden. Der Betrachter stand nun nicht mehr außerhalb, sondern konnte in eine vom Künstler entwickelte Welt eintauchen.
Als die ersten Maler dann als Hofmaler angestellt wurden, entwickelte sich die Emanzipation der Kunst und der Bilderfindung. Und je mehr Adelige und Päpste Bilder von bestimmten Künstlern besitzen wollten und dieser Ehrgeiz das Bedürfnis überlagerte, desto mehr wuchs auch die Autonomie des Künstlers.

Auch wenn sich der Künstler selbst so nicht wahrzunehmen mag, ist er als gesellschaftliche Ikone ein Produkt aus künstlerischen, sozialen und auch ökonomischen Faktoren. Seine künstlerische Bedeutung ist immer abhängig von allen Marktteilnehmern. Diese sind neben dem Künstler selbst Galeristen, Händler, Kuratoren, Kritiker und Sammler. So sind Künstler selbst als Person und ihr Werk Teil der offiziellen Kultur und Spiegel der gesellschaftlichen Werte, aber auch ein Produkt von ökonomischen Interessen.

Der Künstler sitzt, sobald er sich auf den Markt einlässt, zwischen den Stühlen. Einmal lebt er die Vorstellung des freien Individuums und des Schöpfertums, andererseits ist er vom Profit abhängig, der ihm seine Existenz sichert.

Die Geniereligion um Künstler besteht aber seit jeher und erlaubt ihm diesen Spagat, den er sich oft selbst nicht eingesteht, machen zu müssen.
Sie lebt vom Mythos, der sich oft um den Künstler als Genie rankt. Er ist kreativ, hat Vorstellungen, die der normale Mensch nicht hat und kann diese zum Ausdruck bringen.
Der Künstler als Typ sieht sich gerne als andersartig oder lebt ein Leben als solcher. Man lässt ihm Macken und Allüren durchgehen. Es scheint nicht verwunderlich, dass er sensibel und introvertiert zurückgezogen von der Welt lebt und arbeitet. Er ist von Depressionen zerfressen, eigen, selten wirklich anpassungsfähig und meist vom Alkoholismus gequält. Wie sonst, soll er denn auch dem Schicksal des Schöpfers begegnen? Muss es ihm denn nicht gestattet sein durch den Rausch und durch Drogen einmal eine Auszeit von seinem kreativen Laster zu erlangen?

So sieht man den Künstler gerne, und es treibt den Preis nach oben. Der Künstler ist eine undurchschaubare Gestalt, die an seinen Werken wie besessen arbeitet. Im Jahr 2003 wurde ein Film über den Künstler Dieter Roth von Edith Jud produziert. Roth wird als zerrissener und dadurch faszinierender Mensch portraitiert. Der Film, der finanzielle Unterstützung des Schaulagers in Basel erhielt, das zeitgleich eine Retrospektive Dieter Roths vorbereitete, steigerte nach seiner Veröffentlichung den Auktionspreisindex des Künstlers um 50 Prozent. (Dossi, Piroschka: Hype. Kunst und Geld. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 2007. 4. Auflage 2008, S. 190)

Der Kunde ist begeistert, wenn er hinter die Kulissen des Künstlers blicken darf. Denn durch den Kauf erwirbt er auch einen Teil des Künstlers und taucht mit ein in seine Welt. Und das ist oft das, was eigentlich den Ausschlag gibt. So schwärmte der Großsammler Friedrich Christian Flick nicht von der Videoinstallation von Bruce Naumann, sondern von der Reise in eine andere Welt: „Ich bin einer der wenigen, dem er erlaubt hat, ihn zu besuchen. Er lebt sehr zurückgezogen in Galisteo, New Mexico, auf einer Farm. Er ist Künstler, aber genauso sehr Cowboy. Er züchtet Pferde. Ist doch verrückt, oder?“ (Rauterberg, Hanno: Und das ist Kunst. Eine Qualitätsprüfung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2008, S. 47, Anmerk. 24)

Der Starkult und sein Mythos ist in der kommerziellen Kunstwelt zum schlagendsten Verkaufsargument geworden.

Und auch wenn der Künstler sich selbst ungern verkauft, im Endeffekt ist er doch vom Geld abhängig, weil er seine Miete bezahlen muss und nicht wie die anderen 95 Prozent noch einen Nebenerwerb bestreiten möchte. (Rauterberg, Hanno: Und das ist Kunst. Eine Qualitätsprüfung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2008, S. 77) Oft ist es die mangelnde Fähigkeit, die eine Selbstvermarktung zulässt. Außerdem sind es die Galerien und Kuratoren, die die wahre Qualität nicht erkennen und sich dem korrupten Kapitalismus verschrieben haben.

Manche halten sich wacker als Hardliner und verachten alles, was mit dem Markt zu tun hat, während sich andere schon „warenförmiger“ geben und ihr Werk dem Gebrauch und den Vorlieben des Sammlers anpassen. Das lernen Studenten der Kunsthochschulen. Die Vernetzung in der Szene ist das A und O. So erarbeiten die freien Kunststudenten zur Abschlusspräsentation doch eine Art erste Auftragsarbeit. Und bei der Vernissage dieser drücken sie den Gästen doch eine Preisliste in die Hand, als ginge es bei der Kunst nur um das Verkaufen.
Es werden Kunstwerke so produziert, dass sie auch gut digital versendbar bleiben, teilweise malen die Künstler gar nicht mehr selber, haben Angestellte oder ganze mittelständische Unternehmen, die ihnen zuarbeiten.

Ob ein Künstler der Vermarktung frönt oder dem Idealismus treu bleibt, er möchte in der Regel seine Werke präsentieren, und er möchte Anerkennung und Bestätigung. Geld und Verkäufe bieten ihm diese Anerkennung, die er durch den Verkauf monetär erfährt.

Die Differenzierung zwischen Maler und Künstler hat Picasso einmal erklärt: „Ein Maler malt, was er verkauft. Ein Künstler verkauft, was er malt.“ (Kunst-Sponsoring durch Banken — Das Beispiel des Kunstkonzepts der Deutschen Bank AG von Professor Dr. Hans E. Büschgen, 1996) S. 7.

Text aus der Diplomabschlussarbeit (2009) von Peer Kriesel
»Wie Kunst und Design aufeinandertreffen. Eine Studie über die Vermarktung von Kunst.«