Das Qualitätssiegel: Kunstkontakter, Banane, Kunstkompass und Co.

WIE ENTSTEHEN TRENDS, HYPES UND WER BILDET MEINUNG?

Im Jahr 1970 erfand der Kölner Kunstkritiker und ZEIT-Redakteur Willi Bongard den in der Szene umstrittenen „Kunstkompass“ und veröffentlichte diesen in der Wirtschaftszeitung „Capital“, wo er noch heute nach seinem Tod von seiner Frau Linde Rohr-Bongard weitergeführt wird.
Capital veröffentlicht nun zum 36. Mal den Kunstkompass, der „Investitionen auf dem Kunstmarkt erleichert und das Risiko bei Einkäufen verringert“.
Eine Rangliste der 100 berühmtesten Künstler soll als ein Informations- und Bewertungssystem fungieren und „Ruhm und Rang der Künstler weltweit von den Sechziger Jahren bis heute“ messen. (www.capital.de/guide/259849.html / 5.10.2008)
Linde Rohr-Bongard ist bewusst, dass die Qualität der Kunst nicht messbar ist. Der Kunstkompass dient jedoch als Barometer für das Renomee und die Resonanz, die Künstler durch Ausstellungs- und Publikationserfolge in der Fachwelt genießen. Doch was macht den Rang eines Künstlers aus? Ist es die Qualität seiner Arbeiten oder ist es die Fähigkeit des Künstlers im Kunstbetrieb erfolgreich zu bestehen, indem er gute Kontakte pflegt oder pflegen lässt?
Obwohl der Kunstkompass von Kunstfachleute sehr umstritten ist, gilt ein Künstler in der Rangliste als erfolgreich und Newcomer als viel versprechend.

Als Gütesiegel der Kunst – als krummes – gilt die Banane.
Angefangen hat alles vor 25 Jahren als der Kölner Künstler Thomas Baumgärtel damals als „Zivi“ in einem katholischen Kleinstadt-Krankenhaus seiner niederrheinischen Heimat, seine Frühstücksbanane auf das Kreuz einer Krankenstation klemmte. Aus diesem Streich und seiner Revolution gegen das Kleinbürgertum, was manche Patienten auch zum Schmunzeln gebracht hat, wurde sein ganz persönliches Kunstsymbol.
An 5.000 Orte, Museen und Galerien zwischen New York, Berlin, Zürich und Moskau, überall dort, wo nach seiner Auffassung ein frisches Ausstellungsprogramm zu finden sei, sprühte der heute 47-Jährige in einer nächtlichen Aktion seine schwarz-gelbe Banane. Am meisten ist sie aber in Deutschland zu finden, allein in Berlin sind es mehr als 100.

Dem „Bananensprayer“, der wohl in den Neunziger Jahren aktiver war, wurde 2001 im Museum von Goch am Niederrhein eine eigene Ausstellung gewidmet. Neben Zeichnungen, Objekten und Gemälden sind in zwei Museumsvitrinen Ordner mit Justizakten zu bestaunen – alles Anzeigen wegen Sachbeschädigung.
(Kölnische Rundschau – http://www.rundschau-online.de/html/artikel/1201129255466.shtml / vom 24.1.2008 / aufgerufen am 6.10.2008)

Dennoch: Baumgärtels Banane ist vielen inzwischen zu einer Art Gütesiegel für Kunst geworden. Eine Galerie mit Banane verspricht gute Kunst.
Der Künstler selbst nimmt sich nicht so wichtig und geht auch nicht darauf ein, wenn ihm für sein „Gütesiegel“ Geld geboten wird.
„Inzwischen bekomme ich schon mal böse Briefe von einer Galerie, wieso ich sie umgehe.“ Und andere Galeristen, besonders etablierte, fordern sogar: „Machen Sie mir doch drei Bananen“ – als Zeichen für einen noch besseren Kunstort.
Manchmal, gerade bei Galerien, kann es aber passieren, dass ihm die Vergänglichkeit einen Strich durch die Rechnung macht und die Galerie schließt.
„Die Vergänglichkeit ist okay, ich habe ja die Fotos als Dokument und nicht den Anspruch, dass die Banane ein Leben lang bleiben muss.“, so Baumgärtel, aber „wenn beispielsweise eine Galerie umgezogen ist und stattdessen ein Teppichladen in die Räume gezogen ist, und der sich auch noch Galerie nennt“, dann entwertet der Idealist die Banane mit seiner „Ungültig“-Schablone.
(Berliner Morgenpost / http://www.morgenpost.de/incoming/article252199/Ausgerechnet_Bananen_Thomas_Baumgaertel_hat_eine_Frucht_zum_Markenzeichen_fuer_Kunst_gemacht.html / 24.9.2006 / aufgerufen am 6.10.2008)

Auf der Website des Künstlers Thomas Baumgärtel unter www.bananensprayer.de kann man sich über Werke und Ausstellungen informieren.

Ein weiteres Gütesiegel in der Kunstwelt bietet der „Kunstkontakter“.
Konstantin Schneider, der sich als „embedded art agent“ versteht, ist ausgestattet mit einem Bauhelm, auf den eine DV-Kamera installiert ist.
Das gefilmte Material wird später zusammengeschnitten auf der Website www.berlinerkunstkontakter.de veröffentlicht. Diese Art der Dokumentation ermöglicht meist besser als jedes Foto die Atmosphäre des Events einzufangen, auf dem der Kunstkontakter vorbeigeschaut hat.
Aber es ist meistens gar nicht die reine Dokumentation. Der Mann mit dem Helm platzt in Smalltalks einer Vernissage hinein, stellt für Künstler und Galeristen zeitweise „unangenehme“ Fragen und kommt so ins Gespräch. Er „seziert die Kunst und ihren Jahrmarkt der Eitelkeiten.“ (http://www.netzeitung.de/feuilleton/756671.html / 28.9.2007 / aufgerufen am 6.10.2008)
Anfangs belächelt, gilt heute der Besuch von Konstantin Schneider auf der Vernissage, Messe oder Kunstveranstaltung mit seiner Kamera auf dem Kopf als kleiner Ritterschlag. Der Kunstkontakter gehört eben zur Kunstveranstaltung dazu.
Im Jahr 2008 tourte Schneider durch Europa und Asien und filmte in London, Paris, Basel und Shanghai. (www.berlinerkunstkontakter.de)