Was ist Kunst?

Wenn sich diese Frage einfach beantworten ließe, würde sich nicht so oft und so heftig über den Kunstbegriff gestritten werden.
Manche machen es sich leichter, ohne sich lange damit aufzuhalten. So schreibt Friedrich Loock, Galerie Loock und Inhaber der Galerie Wohnmaschine in Berlin, Kunst ist „was Künstler machen“. (1) Wahrscheinlich bringt es eben die Knappheit auf den Punkt oder eben gerade auch nicht.

Nach Winckelmann, Lessing, Herder, Goethe und Schiller gelten die menschlichen Hervorbringungen zum Zwecke der Erbauung als Kunst.

Der Begriff „Kunst“ ist dehnbar. Zum einen Auslegung und zum anderen selbst Gegenstand der Kunst, oder sie stellt selbst die Position eines Künstlers dar.

Das Wort Kunst bezeichnet im weitesten Sinne jede entwickelte Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition gegründet ist, sei es Heilkunst oder Kunst der freien Rede. Im engeren Sinne werden damit Ergebnisse gezielter menschlicher Tätigkeit benannt, die nicht eindeutig durch Funktionen festgelegt sind. Kunst ist ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Das Kunstwerk steht meist am Ende dieses Prozesses, kann aber seit der Moderne auch der Prozess selber sein. (2)

Kunst ist etwas unbeschreibliches und auch wie ein „Wunder“ zu begreifen, wenn man beispielsweise von Heilkunst spricht. Es kann aber auch die besondere Fähigkeit und die besondere Körperbeherrschung sein, wie in der Kampfkunst. Wenn wir sagen, dass Kunst von Können kommt, sprechen wir von dem angeborenen Talent. Scheinbar ist es die Mischung dieser drei Komponenten, die die Kunst beschreibt: Wunder, Training und Talent.

Kunst ist aber auch Indoktrination.
Erst im 18. Jahrhundert entwickelte sich in Europa eine kulturelle Szene. Als erstes Kunstmuseum, was für alle Menschen und nicht mehr nur für die Oberschicht zugänglich war, wurde 1793 der Louvre in Paris eröffnet. Die Bürger werden in die „Andachtsregeln der Kunstbetrachtung“ eingeführt, egal ob Theater, Oper oder Museum. Die Kunstgalerie sollte als „Ort der Stille und der Meditation“ respektiert werden. (3)
Kunst diente nicht mehr nur dem Interesse und dem sinnlichen Vergnügen des Auftraggebers, sondern diente der geistigen Betrachtung. So breitet sich der Kunstbegriff über ganz Europa aus und bildet eine eigene Kategorie, in der Begriffe von Kunstmuseum, Kunsttourismus, über Kunstgeschichte bis zur Kunstkritik vorkommen. Es entsteht ein Kunstreligion, denn jeder, der was auf sich hält, ist kulturell bewandert.
Der Künstler und seine Kunst nahmen eine heilige Aura an. Im 19. Jahrhundert galt der Beruf des Künstlers als spirituelle Berufung.
Der Künstler gilt als genial, frei und mit der Fähigkeit beseelt, seine Kreativität auszudrücken. Wenn der Betrachter nicht genau erkennt, ob etwas als Kunstwerk taugt, wird er vom Kunstexperten überzeugt.

Kunst ist bis heute eine „Zivilreligion“ (4), in der das Publikum auf der Bühne, im Bild oder in der Skulptur, heute in der Videoinstallation oder der Performance das Schöne, das Wilde, das Wahre und Gute, die Utopie und den Tabubruch erkennt. Der Betrachter, der Kunstliebhaber, erlebt mit und durch den Künstler die Freiheit und verschiebt durch ihn den Blickwinkel sowie die Perspektive auf die Welt.

Kunst ist Individualität und der Ausbruch aus gesellschaftlichen Regeln.

Kunst ist vom Ursprung her eine kultische Erscheinung, die sich zeitgleich oder im Zusammenhang mit vorzeitlichen Kulten oder Religionen entwickelte. Sowohl Malerei und Skulptur, als auch Musik und Tanz treten bereits in der Altsteinzeit in Erscheinung. Kunst gilt in der Antike, im Mittelalter bis hin zur Renaissance nicht als Kunst sondern als Handwerk.
Die Kunst hat sich von dem Status der reinen handwerklichen Tätigkeit, dem Kunsthandwerk, befreit. Kant beschreibt den Unterschied: „Im engern Sinne sind Handwerk und Kunst genau unterschieden, obwohl es an naher Berührung, ja Verfließen von beiden nicht fehlt: Die Kunst wird vom Handwerk unterschieden, die erste heißt freie, die andere kann auch Lohnkunst heißen“. (5)
So standen nun Künstler und Käufer auf gleicher Augenhöhe. Sie experimentierten und entwickelten sich sowie ihre Arbeitsweise weiter.

Ausdrucksformen und Techniken der Kunst haben sich seit Beginn der Moderne stark erweitert, so gehört die Fotografie in die Bildende Kunst. Bei den Darstellenden Künsten, Musik und Literatur lassen sich heute auch die Ausdrucksformen der Neuen Medien und der Medienkunst dazuzählen, dazu gehören Hörfunk, Fernsehen und das Internet.

Die zeitgenössische Kunst lässt sich nicht kategorisieren. Künstler arbeiten nicht mehr nur auf dem Papier oder an der Leinwand, sondern zunehmend spartenübergreifend und sind Musiker, Architekten, Köche oder Designer. Die Position des Künstlers, seine Haltung, und seine künstlerische Fähigkeit bestimmen die Art der Arbeit und der Präsentation.
Auf die Art wie Joseph Beuys entwickeln Künstler Ideen, veröffentlichen Utopien, und es sind für Sammler und Käufer oft nur Dokumente und Überreste der eigentlichen „Aktion“ zu erstehen.

Wohin ein Trend der künstlerischen Ausdrucksform, der Methoden und Strategien geht, ist nicht zu sagen. Und alles wird immer irgendwie möglich sein. Das gilt für Inhalte, die total politisch sind, sich nur auf die Gesellschaft beziehen oder aber auch nur auf ihre eigene Farbe und Form begründen, genau so wie für die Arbeitsweise. So gibt es unterschiedliche und immer wieder neue Ansätze für Ausdrucksformen wie beispielsweise die Medienkunst, Video-Kunst und ihre Black Boxes oder ausufernde Installationen, und doch zeigt der Erfolg der so genannten Leipziger Schule mit Neo Rauch und Co., dass wieder oder immer noch gemalt wird.

Obwohl in der Kunst selten gerne über Geld gesprochen wird, hat die Kunst eine eigene Struktur und „Doppelgesichtigkeit“ (6). Da Künstler, wie jeder Mensch, auch von etwas leben müssen, ergibt sich, dass Kunstwerke zum einen „Werk“ und zum anderen aber auch „Ware“ sind.
Kunst hat einen zwiespältigen Charakter. Sie möchte aufrütteln, kritisieren, provozieren, verstören, Beklemmungen auslösen, Wahrheiten aufzeigen und Richtung weisen. Sie möchte aber auch verkauft werden. Frau Dr. Harriet Häußler von der Galerie Upstairs Berlin sagt in einem Interview, dass es ohne Sammler keine Kunst gäbe. Ist Kunst daher immer eine Ware? (7)
Das Verkaufen ist für die Künstler ein Gräuel, nicht nur, weil sie sich von ihrem Werk trennen müssen, sondern weil sie auch einen Teil von sich selbst mit verkaufen. Obwohl die Kunst sich vom Handwerk und der feudalistischen Bevormundung befreit hat, gerät sie in einen anderen Zwang, nämlich dem, etwas zu verkaufen. Das heißt, sich zu „prostituieren“.

Viele Künstler verteufeln den Markt, den Kapitalismus und all deren Mitspieler.

So sehen die meisten auch die Produkt- sowie Kommunikationsdesigner, die in der Werbung mitspielen, „angewandte Kunst“ produzieren, die unmündigen Konsumenten beeinflussen und manipulieren wollen. Als eine „Hure der Industrie“ bezeichnete eine angehende Kunststudentin den Beruf des Designers, als ich mich mit ihr im Warteraum der Studienberatung der Universität der Künste über Berufe unterhielt.

Der Begriff der Kunst lässt sich nicht einsperren und definieren, so wie es manche Künstler, Galeristen und Sammler es gerne versuchen. Die Kunst bleibt ungreifbar und doch sehr der subjektiven Meinung unterlegen. Für manche ist Kunst, was gefällt. Wie jeder vermutlich sich ein anderes Blau vorstellt, wenn man an die Farbe Blau denkt, gleichermaßen gehen die Meinungen über Kunst stark auseinander. Oft entwickeln sich heftige Diskussionen um die Kunst.
Daher bin ich eben auch der Unsicherheit ausgeliefert, den Begriff „Kunst“ nicht eindeutig erklären oder definieren zu können.

Meine Vorstellung von Kunst kommt von Können. Kunst als intellektuellen Moment und die seelische Existenz des Künstlers wird bei meinen Recherchen leicht angekratzt. Denn sind doch nur die Künstler erfolgreich, deren Kunst auch gesehen wird, um dann zu provozieren, zu verstören, zu begeistern oder verkauft zu werden. Aber provozieren diese „Künstler“, weil sie es von sich aus müssen, oder weil der Markt es von ihnen verlangt?

Kunst ist für mich eine Ausdrucksform, ein Spiegel des Lebens, und sie entsteht vollkommen unabhängig vom Markt und dessen Nachfrage. Im Original erarbeitet sie der Künstler unterbewusst oder bewusst, um etwas auszudrücken oder eine Position aus seinem Inneren nach Außen zu bringen. Das Werk ist das Endprodukt eines intellektuellen Schaffens- und Denkprozesses, den der Künstler durchlaufen hat, ohne dass es dem Gedanken der Vermarktung unterliegt, wenn der Gedanke nicht Teil des künstlerischen Konzeptes ist.

  1. Friedrich Loock in einer E-Mail an Autor, 6.1.2009
  2. Wikipedia: Kunst aufgerufen am 21.11.2008
  3. Shiner, Larry: The Invention in Art. A CulturalHistory. Chicago; London, 2001, S. 135
  4. Dossi, Piroschka: Hype. Kunst und Geld. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 2007. 4. Auflage 2008, S.163
  5. Wikipedia: Kunst aufgerufen am 21.11.2008
  6. Difference, what difference? Art Forum Berlin 2008. Messe Berlin, 2008. S. 6
  7. Dr. Harriet Häußler im Gespräch mit dem Autor am 8.1.2009

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